Gesellschaftstheorie

Mittwoch, 1. November 2006

Digitale Bohème

Ob der Begriff Bohème auf längere Sicht belastbar genug ist, um das komplexe Phänomen des Ausstiegs aus der Arbeitsgesellschaft zu fassen, ist eine Frage, die man noch später klären kann. Daß aber Holm Friebe und Sascha Lobo mit ihrem Buch Wir nennen es Arbeit. Die digitale Bohème oder Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung in der soziologischen Beschreibung eines wesentlichen Merkmals unserer Übergangsgesellschaft ins Schwarze getroffen haben, steht für mich fest.

Peter Glaser hat dieses Buch so schön mit einer Steilvorlage von Empfehlungsschreiben versehen, daß ich gar nicht erst versuchen werde, damit zu konkurrieren:

"Dieses Buch ist hypermodern, jeder sollte es lesen. Es ist eine wundervolle Analyse von etwas Ununtersuchbarem: den Grundstoffen einer Alchemie des 21. Jahrhunderts nämlich, die versucht, Arbeit in Glück zu verwandeln; in etwas, das man Arbyte nennen könnte. Was Kolumbus mit drei Karavellen geschafft hat, lässt sich nun mit einem Laptop unternehmen. Entdecker wissen heute: Die Welt ist eine Google. Und endlich steuern wir auf das zu, was Technologie tatsächlich bedeutet - nicht, wie in Zukunft Geräte aussehen werden, sondern wie wir im Hier und Netz zusammenleben."

Friebe und Lobo kann man hier in einem Video kennenlernen. Die Begegnung lohnt sich unbedingt.

Sonntag, 26. Februar 2006

Verdrängung

Auf der Heimfahrt gestern las ich verschiedene Sachen in der ZEIT zum Freudjahr. Da unterhielt sich z.B. ein eher fortschrittlicher
Neurowissenschaftler mit dem Erinnerungsspezialisten Harald Welzer. Immerhin kamen sie zu dem Schluß, daß die Gesellschaft in den Gehirnen stattfindet. Aber sie wissen nicht, wie sie hineinkommt - das ist das Problem. Sie kennen Vygotskij nicht. Und drum suchen sie das Gesellschaftliche direkt im Gehirn. Kein Wunder, daß sie es nicht finden. Jetzt will der Neurofritze Patienten während der Psychoanalyse in den Kernspintomographen legen und hofft, dann das Gesellschaftliche zu sehen...
Es ist unglaublich! Es scheint, als wäre die kulturhistorische Schule noch mehr aus dem kollektiven Gedächtnis verdrängt als Marx.

Dienstag, 23. August 2005

Obacht!

Der Pianomann, der im Frühjahr an der Kanalküste aus dem Wasser kam, kann nicht Klavier spielen, sondern nur eine einzige der achtundachzig Klaviertasten gleichzeitig drücken. Er ist kein geheimnisvolles Pianistengenie aus Prag, sondern ein Bauer aus Bayern. Die Selbstkorrektur der Medien hat uns über den medialen Irrtum aufgeklärt. Jetzt aber wissen wir Bescheid. Jetzt kennen wir die Wahrheit. Jetzt wissen wir es. Aber alles, was wir wissen, wissen wir aus den Medien (Luhmann). Vielleicht kommt nach dem 18. September die Nachricht, daß der Pianomann weder Pianist noch Bauer ist, daß das Foto von ihm nicht das richtige war, sondern mit dem eines Edmund vertauscht wurde, und vielleicht erhalten wir dann medial vermittelte Gewißheit darüber, daß dieser Bayer jetzt Minister im Kabinett Merkel geworden ist, obwohl er nur immer und unentwegt die eine Taste drücken kann ... Vielleicht. Denn laut Luhmann bleibt den Medien "keine andere Möglichkeit als: Realität zu konstruieren und eventuell: Beobachter zu beobachten, wie sie Realität konstruieren." (Niklas Luhmann, Die Realität der Massenmedien, Opladen 1996, S. 18f).
Oja! Beobachten wir also.

Freitag, 19. August 2005

Luhmann sticht Adorno, Giddens schlägt Luhmann

In der Print-SZ von heute endlich der Schlüssel zur Auflösung allen Theorienstreits über Erklärung von Gesellschaft: In "Theoretische Pisten-Asse" auf der Literaturseite findet sich der interessante Link zu den Theorycards. Im Kartenspiel, das ähnlich funktioniert wie etwa mit den Magic Cards, läßt man die Theoriejungs und einige wenige -Mädels spielend gegeneinander antreten. In die 21 Spielkarten haben neben Adorno, Marx, Luhmann auch die Postmodernen Aufnahme gefunden. Aber auch Judith Butler und die Feministin Bell Hooks, deren Stärke es ist, daß sie es "gewagt hat, Madonna zu kritisieren". Luhmanns Schwachpunkte sind " too many writings (mostly in German)". Geschickt ins Spiel gebracht, wird ihn darum die Karte "Ulrich Beck" allemal schlagen, denn die hat als "Special Skills: Pleasant, brilliant, Europe's finest". Entwickelt hat die Karten der britische Mediensoziologe David Gauntlett, der auch mit Legofiguren zum Thema weiterhelfen kann. Her mit den Karten!! Wer spielt mit mir? Ich will jetzt endlich wissen, mit welchen Theorien ich heute gewinne. Danach wird neu gemischt.

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