Freitag, 29. September 2006

demokratische Teilhabe

Die Petitionen, die im Bundestag eingereicht werden, kann man online einsehen und unterzeichnen:

Deutscher Bundestag - Petitionsausschuß

Eine Petition für dauerhaftes Bleiberecht für ausländische Mitbürger ist noch bis zum 19. Oktober in der Mitunterzeichnungs-Schleife.

Weblogs - der SAMPO der Wissensgesellschaft

Alle haben sie schon verlinkt - die Master Thesis von Wolfgang Schweiger:"Weblogs in der Wissensgesellschaft". Ich möchte es trotzdem auch noch tun, denn es ist die beste Arbeit über die Bedeutung von Weblogs, die ich bisher gefunden habe. Auch über die Merkmale der Wissensgesellschaft, die Definition von Wissen und über geeignete und ungeeignete Lerntheorien erfährt man in der gut strukturierten Arbeit eine Menge.
Zusammengefaßt liegt nach Schweiger die Bedeutung des Weblogs in seiner Fähigkeit, dem Digital Divide entgegenzuwirken und eine Plattform für den Austausch potenziell aller Menschen anzubieten und damit zur Wissensproduktion beitzutragen:

"Suchmaschinen liefern nur Informationen, die zwar nützlich und erforderlich sind, manchmal aber nicht ausreichend. Weblogs hingegen liefern neben den bloßen Informationen auch Erfahrungsberichte, persönliche Wertungen und Beispiele der praktischen Anwendung, kurz gesagt Wissen. Damit kompensieren sie nach Meinung von Tschertau 'auf eine selbstorganisierte Weise den größten Nachteil des Internets: seine Unübersichtlichkeit. Sie schaffen Metadaten für Dokumente und sie schaffen Interpretationen und semantische Zusammenhänge.' (Tscherteu)"

Hinzuzufügen wäre die Fähigkeit des Blogs, bei zwei grundlegenden Entwicklungsaufgaben des Menschen in der Wissensgesellschaft als vermittelnder Gegenstand zu dienen: Bei der Individualisierung und der Kommunikations-Netzwerkbildung.

Warum aber SAMPO? Wer ist das überhaupt? Gestoßen bin ich auf den Sampo in Yrjö Engeströms Einleitung zu seinem Aufsatzband "Developmental Work Research. Expanding Activity Theory in Practice". Der Sampo ist ein magischer Gegenstand im Kalevala, dem finnischen Nationalepos, der in den Worten Engeströms

"die Quelle aller Gesundheit und allen Wohlbefindens ist. Der Sampo wurde von einem mächtigen urzeitlichen Schmied geformt. Bis jetzt sind seine Gestalt und seine genauen Eigenschaften nie beschrieben worden. Der Sampo wurde Anlaß eines Streits, er wurde zerschlagen und über Bord geworfen. Aber die Splitter des Sampo, die an die Küste gespült wurden, brachten dem Volk Reichtum (...) Der Gegenstand ist mehr als ein starres materielles Ding: Er muß geschmiedet werden, er geht durch viele Hände, er erzeugt Leidenschaften und Kämpfe, er wird fragmentiert und wieder eingesammelt. Er ist einzig, jedoch überall. Er ist ein Horizont von Möglichkeiten. Mit anderen Worten: Der Sampo ist der Kern des Gegenstands jeder produktiven Tätigkeit. "
(im Original engl., Übersetzung LR)

Mir scheint, das Weblog hilft beim Einsammeln der Fragmente. Gleichzeitig scheint es selbst so etwas wie ein Teil des Sampo zu sein.

Ein Video mit einem Interview Engeströms über seine Theorie des Expansiven Lernens fand ich bei Knowledging across life's curriculum.

Obwohl Weblogs - wie Schweiger zeigt - so überaus potent für die Lerntätigkeit sind, sind sie in der Schule noch nicht angekommen. (Von Ausnahmen wie bei bloggenden Lehrern wie im virtuellen Lehrerzimmer von Herrn Rau oder im Herrmann-Vöchting-Gymnasium Blomberg, der Schule, die als Homepage ein Blog hat, mal abgesehen.)
Für mein Angebot, Hamburger Lehrer beim Einsatz von Blogs zu beraten, habe ich ein Exposé mit Beispielen für die Anwendung-in-der-Schule1 (pdf, 80 KB) geschrieben.

Mittwoch, 13. September 2006

Wissensgesellschaft

Aus dem OECD-Bildungsbericht (herunterzuladen von der GEW-Seite) geht noch etwas hervor:
In Deutschland ist der Computer noch nicht wirklich in der Schule angekommen. Demgegenüber zeigt die Studie jedoch, dass Schüler, die mit dem Computer umgehen können, deutlich bessere Schulleistungen erbringen als solche ohne Computerkenntnisse.

Aus dem Wortlaut der Kurzfassung des Berichts:

Nutzung neuer Medien
· 15-jährige Schülerinnen und Schüler in Deutschland sind im Umgang mit Computern generell erfahren und trauen sich hier viel zu, der Zugang zu Computern und ihre Nutzung sind im Gegensatz zu vielen anderen Staaten in der Schule jedoch deutlich begrenzter als zu Hause (Tabelle D5.3). Indessen sehen die Schulleitungen in Deutschland darin in der Regel kein Problem für den Unterricht, was bedeuten könnte, dass Computer an deutschen Schulen zwar effektiv eingesetzt werden, nicht aber als zentraler Bestandteil des Unterrichts gelten, oder sich die Schulleitungen des Potenzials der Computer für Lehren und Lernen nicht so bewusst sind, wie dies in anderen Ländern der Fall ist (Tabelle D5.2).
· In Deutschland schneiden 15-Jährige, die im Umgang mit Computern versiert sind, in wichtigen Schulfächern im Allgemeinen besser ab als ihre Mitschüler, die diesbezüglich wenig Erfahrung bzw. mangelndes Selbstvertrauen in ihre Fertigkeiten im Umgang mit grundlegenden Computerfunktionen haben. Dieser Vorteil scheint in Deutschland ausgeprägter zu sein als im OECD-Durchschnitt und hat auch dann noch Bestand, wenn sozioökonomische Hintergrundfaktoren berücksichtigt werden (Box D5.1).

Je später die Umkehr,

desto schwieriger wird der Weg und desto höher der Preis, der dann zu zahlen ist. Das weiß jeder, der aus Angst vor dem Bohrer den Zahnarzt meidet und dann, wenn Schnaps, Beten und Ignorieren wieder mal nicht geholfen haben, von den unerträglichen Schmerzen am Ende doch dorthin getrieben wird, wo er erfahren muß, daß der Zahn nur noch gezogen werden kann.

Global verfährt man nach diesem Muster mit der Klimakatastrophe.
Deutschland verfährt so mit seinem Bildungssystem.

Andreas Schleicher - Koordinator der OECD-PISA-Studie - hatte schon 2002 tiefgreifende Reformen gefordert, um die 15-Jahre-Rückständigkeit des deutschen Bildungswesens aufzuholen. Die Ergebnisse der PISA-Studie liegen seit dem Jahr 2000 vor. "Schnaps, Gebet und Ignoranz" hat es seither reichlich gegeben, aber keinen echten Schritt in die Erneuerung. Die nichtdeutsche Welt hat inzwischen vorgemacht, wie der Weg zum "Zahnarzt", sprich zur Rekonstruktion des Bildungswesens geht, nur in Deutschland ist die Bildungspolitik hartnäckig beratungsresistent gewesen und hat seit dem erschreckenden Befund der Rückständigkeit viele wertvolle Jahre verloren mit Schildbürgerstreichen und Handwerkelei in Sachen Schulentwicklung.

Der OECD-Bildungsbericht 2006 offenbart: Beim Anteil der Hoch- und Fachhochschulabsolventen pro Jahrgang hat Deutschland nur 20,6 % Absolventen eines Jahrgangs, der OECD-Durchschnitt liegt bei 34,8%. In Island haben 50%, in Finnland 47%, in Polen 44,8% eines Jahrgangs einen Hoch- oder Fachhochschulabschluss. Niedrigere Werte als Deutschland findet man nur noch in Tschechien (19,7%), Österreich (19,6%) und der Türkei (10,6%). Deutschland liegt damit so gut wie am Ende einer Liste von 25 der 30 OECD-Staaten, in denen diese Werte erhoben wurden. Trotzdem scheint das Bundesministerium für Bildung mit der Entwicklung zufrieden zu sein: "Die Absolventenquote der Hochschulen in Deutschland hat sich kontinuierlich verbessert." (Die Auswertung in der Kurzfassung durch die OECD und die Interpretation des Bundesministeriums unterscheiden sich erheblich.)

Andreas Schleicher bringt laut Taz-Bericht "Letzte Reserve an die Unis" vom 13. 9. den Befund ungeschönt auf den Punkt:

"Es reiche nicht, an Details eines Bildungssystems herumzuschrauben, das aus dem 19. Jahrhundert stammt. 'Man muss sich fragen, ob man auf die grundlegend neuen Herausforderungen der Wissensgesellschaft reagieren möchte - oder nicht.'"

Offenbar hat man sich längst gefragt - und möchte nicht. Die Schmerzen sind wohl noch nicht stark genug, um schon den Arzt aufzusuchen - zumindest nicht bei denen, die die Entscheidungen treffen.
Laut Schleicher hilft jetzt nur noch die Radikalkur: Öffnung der Hochschulen für alle - auch ohne Abitur.
Daß man "kostenneutral" keine tiefgreifenden Reformen bewerkstelligen kann, um in Jahrzehnten Versäumtes in Ordnung zu bringen, war den Akteuren vor Ort in den Schulen immer klar. Dass man bei volleren Klassen und Arbeitszeiterhöhung für die Lehrer weder den Unterricht verbessern noch die individuelle Förderung steigern kann, liegt auf der Hand und wird doch bis heute offiziell immer wieder bestritten.
Nun stellt der neue Bildungsbericht der OECD aber auch fest, dass seit 1998 die OECD-Staaten ihre Bildungsausgaben im Schnitt um 46% gesteigert haben - Deutschland aber nur um 14%. Toll gespart! Hamburg ist stolz darauf, daß es kürzlich ein Benchmarking unter den "Nordländern" in Punkto Kosten der Lehrerausbildung gewonnen hat: Hamburg hat die billigste Lehrerausbildung! Bravo! Wir sind Pokal! Zwar hat Hamburg schon gut 20% funktionale Analphabeten unter den 15-Jährigen - macht nichts, dafür war die Schule billig.

Alle am Bildungssystem Beteiligten wissen: "Der Zahn" ist schon durch und durch faul. Aber den Politikern zu unterstellen, dass sie die Bildung absichtlich vor die Wand fahren würden, wäre absurd. Woran also liegt es, dass Deutschland die längst überfällige Umsteuerung zur Neustrukturierung nicht zustande kriegt?
Eine mögliche Antwort findet man mit den Mitteln der Systemtheorie, die der Theorie des "Rationalen Handelns" zu Recht widerspricht:

Es sind die Selbstreferenz und die operative Geschlossenheit von Systemen, "die bewirken, dass sie sich erstaunlich häufig zugrunde richten, obwohl dies nicht im Interesse ihrer Mitglieder liegt (... ), obwohl Warnsignale in der Umwelt in Hülle und Fülle vorliegen, obwohl andere [Systeme] in ähnlichen Situationen anders handeln, obwohl einzelne Personen oder Gruppen innerhalb [des Systems] das Verhängnis kommen sehen und dagegen angehen. (...) Was hier wirkt, ist die Operationslogik des Systems, eingefroren in seine anonymisierten Regelsysteme und seine institutionalisierte kollektive Identität, die häufig genug selbst bei Strafe hoher Verluste oder gar des Untergangs des Systems verhindern, dass sich in den Handlungsmöglichkeiten der Mitglieder etwas ändert."
Helmut Willke

Die Systemtheorie nennt das "pathologisches Lernen".
Irgendwie, scheint mir, hat man hierzulande einen Hang dazu.

Donnerstag, 31. August 2006

Invasion

Waterpolo-021

So sah es gestern und heute in unserer Naßzelle aus.

Waterpolo-029

Sind das Einweg-Beutelchen für den Opernbesuch?
Oder Puppenmützchen für die Kindergartenausstattung?

Waterpolo-025

Oder ist es ein vorzeitiger wasserfester Adventskalender?
Nichts von alledem! Es ist die unvermeidliche Begleiterscheinung
einer Waterpolo-Familie, die mit dem Wasserballkappentrocknen
dran ist.

Bester Link zum Nahostkonflikt

ersetzt - nein übertrifft - meine (Libanonkrieg-) Linksammlung um ein Vielfaches an Informationswert:

http://www.israelipalestinianprocon.org/

Dokumente, Karten, Darstellungen und Stellungenahmen en masse.
Der Ansatz der Organisation ist vielversprechend multisperspektivisch und stellt kontroverse Auffassungen zu den zentralen Fragen zusammen.
Die Seite ist ein Forschungsprojekt der ProCon.org, die ihre Ziele so formuliert:
"Our goal is to publish the best available pro and con responses to the question: "What are the solutions to the Israeli - Palestinian conflict?" and related questions."
"The Mission Statement of ProCon.org is: Promoting informed citizenship by presenting controversial issues in a simple, nonpartisan pro-con format".

Donnerstag, 24. August 2006

Kommentierte Linksammlung zum Libanonkrieg

Nicht nur im Politik- und Geschichtsunterricht – aber vor allem in diesen Fächern – wünschen sich viele Schüler eine Anleitung zum Umgang mit der verstörenden und beängstigenden kriegerischen Zuspitzung des Nahost-Konflikts, mit dem sie in den letzten Wochen in allen Medien konfrontiert wurden. Aktuelles "durchdidaktisiertes" Unterrichtsmaterial gibt es zu diesem Thema kaum, und was es gibt, ist eher enttäuschend . Es bleibt dem Lehrer und der Lehrerin also nichts anderes übrig, als sich gemeinsam mit den Schülern an die Erforschung des Gegenstands zu machen. Das ist eine gute Gelegenheit, selbstgesteuertes Lernen und kooperative Unterrichtsformen anzuwenden. Dass dabei das Internet eine zentrale Rolle spielen muss, ist klar. Diese kommentierte Linksammlung soll beim Auffinden interessanter und relevanter Seiten im Internet helfen, die sowohl der Orientierung der Lehrkräfte als auch zur Information für Schülergruppen der Jahrgänge 10-13, sowie als Ausgangsmaterial für Diskussionen im Unterricht dienen können.

Linksammlung (rtf, 60 KB)

Donnerstag, 3. August 2006

Ist mir schlecht!

Erst dachte ich, es wäre Satire. Es mußte Satire sein, denn so dumm kann keiner wirklich sein. Dann dachte ich, die Taz hätte vielleicht ein Abkommen mit der Jungen Freiheit, ihr die Steilvorlage für die nächste Ausgabe zu liefern.
Aber jetzt glaube ich, es ist ernst gemeint. Zumindest von der Autorin des Taz-Artikels, Isolde Charim, die offenbar gebeten worden war, einmal zusammenzustellen, "Wie man Israel richtig kritisiert". - gestern in der Taz auf Seite 4, Seitenüberschrift "Gebrauchsanweisung":

"Angesichts der derzeitigen Kämpfe im Südlibanon fragen sich viele Deutsche: Wie können sie Israel kritisieren, ohne sich dem Vorwurf des Antisemitismus auszusetzen? Keine Scheu! Solidarisch gemeinte Kritik an dem jüdischen Staat ist stets möglich - wenn man sich an ein paar Leitsätze hält." Und dann fett:
"So ist Israelkritik politisch korrekt"
Und dann kommen im Gestus einer Brigitte-Stilberaterin ein paar does an don'ts zum "richtigen" Meinen.

Ja Himmelherrgottsackzement, ist mir schlecht! Ich bin fassungslos. Ich kann gar nicht soviel essen wie ich jetzt kotzen muß. Ist die Frau so unglaublich dumm? Oder ist die Taz so unglaublich niederträchtig, sie ins Messer rennen zu lassen?

Verdammt nochmal! Es geht doch nicht darum, daß man sich vor dem Vorwurf schützen muß, man sei Antisemit. Es geht darum, daß man keiner ist. Und was soll das denn heißen: "Solidarisch gemeinte Kritik ist stets möglich"? - Jede Kritik ist stets möglich - und selbstverständlich ohne irgendwelche Leitsätze!

Die Leitsätze heißen: "Hüten Sie sich ... " und "Vermeiden Sie ..."
Ah ja. Klartext: Eigentlich wollten wir ja genau das und das sagen, aber es sieht nicht gut aus und führt zu unangenehmen Vorwürfen. Also hüten wir unsere Zunge, auf daß die Wahrheit nicht ans Licht komme, und vermeiden wir das zu sagen, was wir eigentlich meinen, denn es macht sich nicht "politisch korrekt" und das ist das Wichtigste. Das ist offenbar der oberste Wert in unserer "Wertedemokratie": Daß wir das sagen, was von uns verlangt wird. Wir können den letzten Bockmist zusammendenken, rassistisch, antisemitisch und nationalistisch bis in die Knochen sein, das kümmert niemanden - nur zeigen dürfen wir es nicht. Da frage ich mich als Politiklehrerin aber: Wie kann ich solche Auffassungen bekämpfen, wenn sie sich gar nicht artikulieren?

Mein lieber Schwan! Einen besseren Beleg für die Richtigkeit der Behauptung der Rechten, Ultrarechten und Extremrechten, in diesem Lande sei selbständiges Denken und unabhängige Meinungsäußerung nicht möglich, kann sich die antisemitische Rechte ja gar nicht wünschen! Erste Klasse Steilvorlage für jeden neu- und altrechten Agitator!

Es ist eine absolut blödsinnige Vorstellung, der Begriff "politisch korrekt" - ursprünglich von rassistischen antisemitischen Kreisen in den USA erfunden, um das Bemühen der Liberalen und Linken um einen nichtdiskriminierenden Diskurs und nichtdiskriminierendes Verhalten gegenüber religiösen oder ethnischen Minderheiten, Frauen und Schwulen zu desavouieren - könnte positiv benutzt werden von eben diesen Minderheiten, Frauen und Schwulen. Antisemitismus läßt sich nicht verbieten. Vorurteile, Animositäten und Affekte kann man nicht verbieten, man kann sie nur fördern oder abbauen. Verbieten kann man nur ihre öffentliche Äußerung. Dies fördert zumindest das permanente Auseinandertreten von öffentlich Gesagtem und privat Gedachtem. Das kann keine gute Strategie gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus sein.

Da kann ich nur mit Richard Chaim Schneider sagen:
"Ich will den Antisemiten sehen!" (SZ, 25.02.05)

Mittwoch, 2. August 2006

Vom "Kampf um die Begriffe"

Die "Junge Freiheit" - zentrales Medium im Netzwerk der "Neuen Rechten"

Ritter der Meinungsfreiheit

"Danke! 1.500 Unterzeichner sorgen mit dem 'Appell für die Pressefreiheit' gegen die von der Leipziger Buchmesse ausgesprochene politisch motivierte Ausladung der Wochenzeitung 'JUNGE FREIHEIT' für den Durchbruch".
So jubelte die "Junge Freiheit" am 17. Februar 2006 und warb sogleich um Spenden zur Finanzierung ihrer Anzeigenkampagne in der FAZ und der Süddeutschen Zeitung. Die Investition hatte sich gelohnt, denn die als rechts bekannte Wochenzeitung konnte sich nach dieser Aktion nicht nur den Messebesuchern schließlich doch noch mit eigenem Stand und Kundgebung präsentieren, sondern hatte darüber hinaus auch noch ein Gefecht gewonnen im "Kampf um die Köpfe" (NPD), der im Jargon der "Neuen Rechten" um die "Junge Freiheit" "Kampf um die Begriffe" lautet. Mehr als eine Woche lang war die "Junge Freiheit" Gespräch in allen Medien gewesen, nachdem die Messeleitung nach der Ankündigung des Blattes, am Messestand ihr 20jähriges Bestehen durch eine Kundgebung zu feiern, deren Akkreditierung gekündigt hatte. Dadurch hatte die Zeitung zum wiederholten Male die Gelegenheit erhalten, der Öffentlichkeit mit einer Protestnote "für die Pressefreiheit" eine lange Liste "unbescholtener", vorwiegend männlicher Prominenzen aus Politik, Verwaltung, Militär, Presse, Wirtschaft und Wissenschaft – zu einem erheblichen Teil "a.D.", "i.R." oder "em." – zu präsentieren, die ihr damit nicht nur ein demokratisches Unbedenklichkeitszeugnis ausgestellt, sondern zugleich auch die Märtyrerpose "politisch verfolgt" bestätigt hatten.
(...)
Wer ist diese "Junge Freiheit", die beständig für Wirbel in den Medien sorgen und mehrere Verfassungsschutzämter, Verwaltungsgerichte und schließlich das Bundesverfassungsgericht jahrelang – für ihre eigenen Zwecke am Ende erfolgreich – beschäftigen kann? Welche politischen Ziele verfolgt diese Zeitung, für welche Meinungen streitet sie um "Freiheit", wer sind ihre Autoren, wer unterstützt sie, wessen Medium ist sie? Und schließlich: Ist sie gefährlich, und wenn ja, warum? Und wie könnte ein adäquater Umgang damit aussehen?
Diesen Fragen wird im Folgenden nachgegangen.

weiter: LR_JungeFreiheit (pdf, 271 KB)

Sonntag, 25. Juni 2006

Das Geheimnis, zweiter Teil

Endlich mal was Gescheites zum Thema Nationalfahnenschwenkerei:

Klaus Hurrelmann, Bielefeld - oder war es nun Klaus Boehnke, Bremen? - das ist etwas unklar, aber nicht so wichtig, dafür ist wichtig, daß die Einschätzung richtig:
via amazemans journal (Rechtschreibung bereinigt):

"Also ich würde garnicht mal das Argument bemühen, daß Deutschland ein schwieriges Vaterland ist, dem man sich nicht wirklich mit der Nationalfahne irgendwie präsentieren sollte.
Was mir als wichtiger erscheint ist, daß diese nationale Symbolik ja etwas aus meiner Sicht völlig Altmodisches ist. Nation und Patriotismus und Schwarz, Rot, Gold ist etwas, das kommt aus dem 19. Jahrhundert, und hier wird einfach so getan, als würde es taugen für das 21. Jahrhundert, und in diesem Sinne wird Rückbesinnung verlangt. Und das kann eigentlich nicht stimmen - wir können uns nicht auf etwas rückbesinnen, das im 19. Jahrhundert hervorgebracht wurde."


Und hinzuzufügen wäre: Wir wollen und dürfen uns auch nicht auf etwas rückbeziehen, was wir im 21. Jahrhundert, in dem es mit der Bedeutung des Nationalstaats rasant zuende geht, nicht nur nicht mehr gebrauchen können, sondern was uns auch am Erwerb von Zukunftsfähigkeit behindert.

Im Gegensatz dazu stimmt die Freude über die "Normalität" nationalstaatlicher Gefühlswelten der Linken, die Gysi als Vertreter der nationalen Linken befällt, eher traurig. Zeigt das doch, daß diese Linke nicht Avantgarde, sondern Nachhut ist:

"Die Konservativen haben Deutschland immer als eine Nation verstanden, zu der zumindest bestimmte Linke nicht dazugehören. Diese Linken haben das irgendwann akzeptiert und sich nur noch außerhalb und gegen die Nation definiert. Das war zwar verständlich, aber ein Fehler. Eine Linke mit einem so gestörten Verhältnis zur Nation kann natürlich nie mehrheitsfähig werden. Eine Nation, die man nicht will, kann man nicht führen. Da ist ein Widerspruch im Kopf und ein Widerspruch im Herzen."

Na gut, Nachhut hat auch ihre Funktion und wird gebraucht. Allerdings hat "die Linke" eigentlich andere Aufgaben. Und wer übernimmt diese jetzt?

Freitag, 23. Juni 2006

Das Geheimnis des patriotischen Gefühls

Maxim Leo in der Berliner Zeitung vom 17.6.2006:

"Ich spüre etwas in mir. Etwas Verwirrendes. Eine Mischung aus Stolz, Aufgeregtheit und ständigem Harndrang. Ich weiß nicht, ob das schon Patriotismus ist, aber ich denke jetzt ernsthaft darüber nach, eine deutsche Fahne an unseren Balkon zu hängen."

Vielleicht sollte er einfach schnell mal das Örtchen aufsuchen, um nicht zu viel vom spannenden Fußballspiel in der Glotze zu verpassen?
Erstaunlich, welche Schlußfolgerungen andere Leute aus ihren Selbstwahrnehmungen ziehen.

(Um gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen: Dies ist nicht die Arbeit über Rechtsextremismus! ;-))

Montag, 19. Juni 2006

In Arbeit

ist etwas Größeres zum Thema Rechtsextremismus. Geduld - bald ist es fertig.
Bis dahin wenigstens zur Dokumentation, daß shift noch nicht auf den Blog-Friedhof gehört:

dsci0024_edited
Locus amoenus 1: Arbeitsplatz

dsci0023_edited
Locus amoenus 2: Feierabendplatz

Mittwoch, 17. Mai 2006

Vom Träumen

Schön, daß wir mal wieder davon hören.
stern.de Wirtschaft zeigt heute mal wieder darauf: "Satte Gewinne [vermeldet der Kommentar richtig] - hoffentlich für alle [frommwünscht der Kommentator niedlich]".
"Die Lufthansa hat 2005 einen Gewinnsprung von 154 Prozent gemacht, Linde 113 Prozent, Bayer 151 Prozent - um nur einige Beispiele zu nennen." Ja. Das ist die Höhe. Aber es ist ganz und gar neu nur für diejenigen, die wirklich glauben, hohe Löhne hingen von hohen Profiten ab. Das tun sie mitnichten - im Gegenteil: hohe Profite gibt es bei niedrigen Löhnen.
"Von diesem Profit sollten alle profitieren." Oh ja, wer von denen, die nicht profitieren, träumt nicht vom Mitprofitieren? Schaun wir mal, wie naiv die Vorstellungen sind:

"Das Profit-Einfahren diktiert der (Welt-)Markt. Knallhart, ohne Moral. Das Treiben betrachten wir mal staunend, mal murrend, oft kleinmütig. Das Ausreizen und Missachten der wenigen Marktregularien bringt zwei Zünfte in Lohn und Brot: Berater und Anwälte. Alle anderen in der freien Wirtschaft, zu vorderst wir Arbeitnehmer, leben vom Ausschütten der Profite. Deshalb reden wir seit gut 100 Jahren darüber mit. Ein bisschen zumindest. Politisch." Hm. Das klingt ja richtig nüchtern und realistisch. Aber es ist falsch. Im Ansatz falsch. Denn wir leben nicht alle in der freien Wirtschaft von der "Ausschüttung der Profite", schon gar nicht die "Arbeitnehmer" - also die Arbeitskraftgeber, um genau zu sein. Die leben nämlich von ihrem Lohn. Der Lohn ist das, was auf dem Arbeitsmarkt als Äquivalent für den Verkauf der Ware Arbeitskraft zu erzielen ist. Über die Höhe der Profite oder gar über deren "Ausschüttung" hatte der "Arbeitnehmer" noch nie mitzureden. Kein bißchen. Was aber seit 150 Jahren nicht vergeht, ist die Vorstellung vom "gerechten" Lohn - hier kommt sie sogar als naive Forderung nach "angemessener Gewinnbeteiligung" (siehe unten).

Nun kann man natürlich weiterhin an die Kraft des Wünschens glauben - hartnäckig, obwohl es seit nunmehr 7 Generationen nichts geholfen hat.
Man kann aber statt in Märchen herumzuwünschen auch bei Marx nachschauen, wie die Ökonomie des nunmehr einen Systems funktioniert, man kann sich dabei auch helfen lassen, etwa von Georg Fülberths Artikeln in Konkret - wenn man bloß nicht so verdammt darauf fixiert wäre, sich die Funktionsweise dieser Ökonomie ausgerechnet von denen erklären zu lassen, die darin die Profite machen, oder - Kehrseite der Medaille - von den Kleinbürgern, die ihre (verständliche) Wut schon für Analyse halten und denen drum die Globalisierung und die Finanzmärkte als der böse Kapitalismus, das "einheimische" mit "einheimischen" ArbeitskraftzuMarktetragenden Menschen Profit erzielende Unternehmertum aber als guter, gerechter oder doch wenigstens erträglicher Kapitalismus gelten.

Höhere Löhne gibt es nicht, weil die Profite hoch sind und drum die Profiteure spendabel - höhere Löhne gibt es, wenn der Marktpreis der Ware Arbeitskraft gestiegen ist. Und das tut er, wenn diese Ware Mangelware wird. Davon kann aber weißgott keine Rede sein in einer Zeit, wo die freigesetzte Arbeitskraft schon froh sein muß, wenn sie sich für einen Euro die Stunde feilbieten oder zu ganz offiziellen Bedingungen leiharbeiten darf, und trotzdem nicht mehr hat als ein Sozialhilfeempfänger. (Natürlich kann man mit dem Finger auf die maximierten Profite zeigen und daran seine Lohnforderungen festmachen. Zwar hilft es nicht - aber immerhin.)

Aber der Kommentator meint vielleicht, die Gemeinschaft via Staat könne am Gewinn beteiligt werden.
"Weltweite Arbeitsteilung: Die Investitionsziele der Firmen liegen, wie viele ihrer Gewinnquellen, zunehmend außerhalb Deutschlands. Ein erheblicher Teil der Profite (und Arbeitsplätze) wandert schnurstracks an der heimischen Wirtschaft vorbei. Kein Mensch, am wenigsten ein Politiker, kann diese Wanderung aufhalten. Sie ist nicht neu, sondern begann schon in den 60er Jahren, also im Anschluss an das Binnen-"Wirtschaftswunder". Nur kurz - zu Beginn der 90er Jahre - verringerte sich der deutsche Drang hinaus in die Welt. Die Ex-DDR lag näher. Doch schon bald lockten wieder die Möglichkeiten der globalisierten Märkte, die weltweite Arbeitsteilung. " Richtig! Und wieder so nüchtern realistisch. Aber der Kommentator hofft entgegen aller Einsichten auf ein Einsehen, (obwohl doch kein Mensch, am wenigsten ein Politiker...) denn:

"Exportweltweister - Made in Germany". Kein Problem, solange zu Hause alles im Lot schien. Jetzt, da Arbeitsmarkt, Rente, Gesundheit, Pflege und Staatsfinanzen, endlich auch anerkanntermaßen marodieren, ist es ein Problem." Und da vergißt er in der Eile zu fragen, für wen...
Und höre ich richtig: Das patriotisch gesinnte Kapital kommt "nach Hause", weil der Haussegen schief hängt und die "Heimat" in Ordnung gebracht werden muß - und spendet dafür auch noch einen Teil des Profits? - Nebbich!

Zwar werden
"fromme Appelle (..) es ebenso wenig lösen, wie gestriges Geschrei. Es braucht politische Vorgaben. Durchdacht, verlässlich und handwerklich einwandfrei. Realistischerweise sollten sich auf diese Art zumindest zwei Sanierungsbeiträge von unseren "Global-Playern" einfordern lassen: Zum einen, dass sie in der Heimat angemessene Steuern zahlen, und dass Spartenverkauf und Abwanderei nicht länger subventioniert werden."
Ach ja, da wollen wir wieder träumen - diesmal vom Primat der Politik, der mit "handwerklich einwandfreiem" politischen Handeln einzufordern wäre und den es doch auch nie gegeben hat. Handwerklich einwandfreies politisches Handeln kann es in diesem ökonomischen System gar nicht geben - nur mehr oder weniger ungeschicktes Handwerkeln. (Und welches Ausmaß an Marodität staatlicher und gesellschaftlicher Strukturen für den Maximalprofit hinzunehmen, das Kapital in der Lage ist - das kann man überall auf der Welt betrachten. Von diesen möglichen hinzunehmenden maroden Zuständen sind wir hier allerdings weit entfernt.)
Und wenn der Kommentator es so trotz aller Zwars und Abers in aufblitzendem Realismus wieder in die Märchenwelt zurück geschafft hat, dann auch gleich richtig - siehe oben:
"Zum anderen, dass heimische Mitarbeiter angemessen an den Gewinnen beteiligt werden - was nicht bedeuten muss, Lohnstückkosten wettbewerbsschädlich zu erhöhen." Und er träumt von "neue(n) Formen der Mitarbeiter-Beteiligungen".
Es gibt nur einen Grund, warum Unternehmen über Mitarbeiter-Beteiligung nachdenken: Damit die "Mit"arbeiter besser "mit"arbeiten. Vulgo höheren Profit erzeugen. Das kann unter Umständen tatsächlich im Interesse der Beschäftigten liegen. Aber es handelt sich auch dabei um nichts weniger als um "Profit-Ausschüttung".

Trotzdem schön, daß wir mal wieder drüber reden konnten.
Bild: Ivan Montero / fotolia

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