Antisemitismus

Samstag, 4. Februar 2006

Hamas

Lange hat es gebraucht, bis die Hamas hier ernst genommen wurde. Häufig wird ihre ideologische und organsiatorische Quelle - die Muslimbruderschaft weiterhin unterschätzt und verharmlost. Dazu vgl. den Beitrag hier in shift. aus dem letzten Jahr.
Oft wird zwar über Hamas geschrieben, selten jedoch aus ihrer Gründungscharta (1989) zitiert. Diese gilt nach wie vor und ist die politische Plattform, die Sinn und Zweck der Hamas und die Mittel zu deren Erreichung klar definiert. Zur Interpretation der Charta und zur Analyse des Charakters der Hamas, sowie zur Geschichte der Muslimbrüder und der Entstehung des spezifischen islamischen Antisemitismus sei nach wie vor als erste Adresse die Website von Matthias Küntzel empfohlen.

Wie deutlich die Charta der Hamas über den einzigen Sinn der Hamas - nämlich den der Vernichtung Israels - spricht, davon kann man sich aus dem sonst merkwürdigerweise selten veröffentlichten Text hier auszugsweise überzeugen:

Charta der Hamas

"Vorwort: Erniedrigung wurde den Juden verordnet ... und der Zorn Allahs wird auf sie fallen ... Elend überkommt sie, weil sie nicht an das Wort Allahs glauben und die Propheten grundlos töteten ..." (Sure el-Umran, 109-111). 'Israel wird existieren und weiter existieren, bis es der Islam vertreibt, so wie der Islam die Vorgänger Israels vertrieben hat.' (Imam Hassan e-Banna) [Gründer der Muslimbruderschaft, LR]

Artikel 1: Die Islamische Widerstandsbewegung [Hamas] ist ein Flügel der Moslembruderschaft in Palästina. (...)

Artikel 6: Die Islamische Widerstandsbewegung [Hamas] ist eine rein palästinensische Bewegung, die Allah treu ist ... und das Banner Allahs über jedem Zentimeter Palästinas hissen will. [Gemeint ist mit Palästina natürlich immer auch das Territorium Israels]

Artikel 7: Die Islamische Widerstandsbewegung [Hamas] ist ein Glied in der Kette des Heiligen Krieges gegen die zionistische Invasion ... Allahs Bote sagte, es wird die Zeit kommen, wenn die Moslems gegen die Juden kämpfen und sie besiegen. Und die Juden werden sich hinter Steinen und Bäumen verbergen. Die Steine und Bäume sagen: Oh Moslems, Diener Allahs, kommt und tötet den Juden, der sich hinter mir verbirgt.

Artikel 8: Sinn und Zweck der Islamischen Widerstandsbewegung [Hamas] liegt in Allah. Sein Bote ist unser Vorbild, der Koran unsere Verfassung, der Heilige Krieg unser Weg, der Tod im Dienste Allahs unser höchstes Ziel.

Artikel 11: Für die Islamische Widerstandsbewegung [Hamas] ist Palästina islamisches Vermächtnis, den Moslems anvertraut bis zum Jüngsten Gericht. Weder das Ganze, noch ein Teil davon darf verlassen oder aufgegeben werden. (...)

Artikel 13: Die Preisgabe eines Teiles von Palästina ist wie die Preisgabe eines Teiles der Religion. ... Für das palästinensische Problem gibt es keine Lösung außer dem Heiligen Krieg. Initiativen, Resolutionen und internationale Konferenzen sind nutzlose Zeitvergeudung.

Artikel 14: Palästina ist islamisches Land, dem sich die ersten Moslems beim Gebet zuwendeten, unter den heiligen Orten an dritter Stelle. ... Deshalb ist seine Befreiung persönliche Pflicht eines jeden gläubigen Moslems.

Artikel 15: Gegen den Raub Palästinas durch die Juden gibt es nur eine Rettung: die Flagge des Heiligen Krieges hissen."

Zit.n.: Schreiber, Friedrich, Aufstand der Palästinenser - die Intifada, Opladen 1990, S. 119f

Nachtrag am 9.2.06
Artikel 22: “Die Feinde [die Juden] haben lange Zeit Ränke geschmiedet ... und riesigen, bedeutungsvollen, materiellen Reichtum angesammelt. Mit ihrem Reichtum haben sie weltweit die Kontrolle über die Medien übernommen, ... mit ihrem Geld haben sie in verschiedenen Teilen der Welt Revolutionen gesteuert ... Sie standen hinter der Französischen Revolution, der Russischen Revolution und den meisten anderen Revolutionen ... Mit ihrem Geld bildeten sie geheime Organisationen, z. B. die Freimaurer, die Rotary Clubs und die Lions Clubs, welche über die ganze Welt ausgebreitet sind, um Gesellschaftssysteme zu zerstören und zionistische Interessen wahrzunehmen ... Sie standen hinter dem I. Weltkrieg und bildeten den Völkerbund, mit welchem sie die Welt regierten. Sie standen hinter dem II. Weltkrieg, durch den sie riesige finanzielle Gewinne erzielten ... Sie sind die Drahtzieher eines jeden irgendwo in der Welt geführten Krieges."

Das ist nicht Antizionismus oder Widerstandskampf gegen israelische Unterdrückungspolitik, das ist Antisemitismus pur - und zwar von der übelsten, der eliminatorischen Sorte.

Sonntag, 21. August 2005

Linker Antisemitismus, Antiamerikanismus und der Antiimperialismus der dummen Kerls

Ratlosigkeit angesichts "Bushismus" und "Sharonismus" einer- und dem islamistischen Terrorismus andererseits befällt ( zum Glück noch) manchen Linken hierzulande. Wie einfach war es für die Linke vor bald vierzig Jahren, sich im Vietnamkrieg auf der "richtigen" Seite zu positionieren: War doch der Vietcong nicht nur der Gegner des US-Imperialismus sondern stand gleichzeitig auch für eine progressive gesellschaftliche Umwälzung im eigenen Land. Von Letzterem kann jedoch weder in den palästinensischen Gebieten, noch im Irak oder im Iran die Rede sein. Ratlosigkeit ist schwer auszuhalten. Man möchte lieber "orientiert" sein. Aber es ist (auch) für einen Linken allemal redlicher, seine Ratlosigkeit zu bemerken, als sich vorschnell in Ideologien und politische Positionen zu stürzen, die ein klares Freund-Feind-Bild wiederherzustellen versprechen. Leider ist "die Linke" in der Regel noch zu gerne bereit, genau dafür die Dignität der Ratlosigkeit aufzugeben.
Wer sich aber seine Ratlosigkeit noch eingestehen kann, der findet eine bemerkenswerte Einschätzung bei Moishe Postone. In seinem kürzlich erschienenen Essayband "Deutschland, die Linke und der Holocaust" findet sich neben seinem grundlegenden älteren Aufsatz "Antisemitismus und Nationalsozialismus", in dem er die Ideologie des Antisemitismus analysiert, auch der Vortrag "Geschichte und Ohnmacht. Massenmobilisierung und aktuelle Formen des Antikapitalismus". Postone argumentiert hier überzeugend dafür, "die Ausbreitung des Antisemitismus und antisemitischer Formen des Islamismus als Ausbreitung einer fetischisierten antikapitalistischen Ideologie zu begreifen, die von Israel und der israelischen Politik ausgelöst wird, aber auch, auf einer wesentlich grundlegenderen Ebene, vom Niedergang der arabischen Welt im Zuge der tiefgreifenden strukturellen Veränderungen, die der Übergang vom Fordismus in den neoliberalen Kapitalismus mit sich bringt". Den Mainstream der linken Positionen hierzulande hält er für "eine populistische und zutiefst reaktionäre antihegemoniale Bewegung, die nicht zuletzt für jegliche Aussicht auf eine fortschrittliche Politik in der arabischen und muslimischen Welt eine Gefahr darstellt. Anstatt diese reaktionäre Form des Widerstands auf eine Weise zu analysieren, die fortschrittlicheren Formen des Widerstands Unterstützung bieten könnte, haben viele westliche Linke sie jedoch entweder ignoriert oder als zwar bedauerliche, doch verständliche Reaktion auf die israelische Politik im Gaza-Streifen und in der Westbank rationalisiert. Diese apologetische Einstellung weiter Teile der amerikanischen und europäischen Linken hängt eng mit der fetischistischen Identifikation der USA mit dem globalen Kapital zusammen. Diese Tendenz, das Abstrakte (die Herrschaft des Kapitals) als etwas Konkretes (amerikanische Hegemonie) zu fassen, ist (...) Ausdruck fundamentaler Hilflosigkeit auf begrifflicher wie politischer Ebene."
Postone diagnostiziert der Linken ein "verdinglichtes Denken und Empfinden", das von einer "Krise der Linken" zeugt, "die vielschichtige Gründe hat - die Erkenntnis, dass die industrielle Arbeiterklasse kein revolutionäres Subjekt ist oder sein wird, das Ende der staatszentrierten Ordnung, mit der der Staat nicht länger entscheidender Adressat gesellschaftlicher Veränderung ist, und der Übergang von einer internationalen in eine supranationale Weltordnung."
Interessant ist sein Ansatz zu einer Analyse der globalen Vorgänge auf politischer Ebene:
" Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert forderte eine wachsende Zahl von Nationalstaaten, vor allem Deutschland, die hegemoniale Rolle Großbritanniens und der liberalen Weltordnung heraus. Diese Rivalitäten, die in zwei Weltkriegen kulminierten, bezeichnete man damals als imperialistische Rivalitäten. Möglicherweise erleben wir heute die Anfänge einer Rückkehr zu einer Ära imperialistischer Rivalität auf einer neuen und erweiterten Stufe. Einer der entstehenden Spannungsherde ist das Verhältnis zwischen den atlantischen Mächten und einem um die französisch-deutsche Allianz gruppierten Europa. (...) Was immer man gegen die gegenwärtige amerikanische Administration einwenden mag - und es lassen sich bei einer ganzen Bandbreite von Fragen schwerwiegende Einwände gegen sie formulieren - , die Linke sollte äußerst vorsichtig sein, nicht unfreiwillig zum Strohmann eines rivalisierenden potenziellen Gegenhegemons zu werden."

Sonntag, 26. Juni 2005

Nahostkonflikt und Antisemitismus

Einen lehrreichen, klug geführten Disput gibt es in Form eines offenen Briefwechsels zwischen Robert Wistrich (Jerusalem) und Brian Klug (Oxford und Chicago).
Es geht vor allem um zwei zentrale Fragen, zu denen die Autoren ihre Differenzen mit jeweils bedenkenswerten Argumenten entfalten: 1. Gibt es einen arabischen Antisemitismus? 2. Unter welchen Voraussetzungen ist "Israelkritik" antisemitisch? Viel ist schon geschwätzt worden zu diesen Fragen. Dieser Text hebt sich wohltuend ab vom Geschwätz.

Montag, 20. Juni 2005

Naivität?

In der SZ heute schreibt Tomas Avenarius über die Muslimbrüder (S.2). Merkwürdig: Ich kenne sie aus ihren Dokumenten und ihrer Geschichte als älteste und einflußreichste islamistische, antisemitische Organisation. Von ihrer antisemitischen Programmatik und Geschichte erfährt man bei Avenarius gar nichts. Der Begriff kommt einfach gar nicht vor. Zwar sei sie die Mutterorganisation auch der Hamas, diese sei jedoch nur "in den Augen der Amerikaner und Israelis eine Terrorgruppe". Aha. In den Augen Avenarius ist sie was? Das bleibt offen, aber zu denken nahegelegt wird der Gegenbegriff Freiheitskämpfer. Die harmlosen Muslimbrüder jedenfalls sind, das läßt er eine "deutsche Expertin Ives Lübben" feststellen, " eine 'bürgerliche, konservative und sozial engagierte Kraft' ohne revolutionäres Potenzial." Sie werden in Avenarius' Artikel geführt als demokratische Opposition, unterdrückt vom Mubarak-Regime. "Schwer auszumachen" sei, so A.,"wo die Muslimbrüder ideologisch wirklich stehen." Für mich ist es nicht schwer auszumachen. Der geistige Führer dieser "Bruderschaft", Sayyid Qutb, hat mit seinem Pamphlet "Unser Kampf gegen die Juden" 1951 eine Art Manifest der Muslimbrüder geschrieben. In immer neuen Auflagen findet diese Schrift in allen Ländern des arabischen Nahen Ostens große Verbreitung. Naja, Herr Avenarius muß ja nicht alles kennen, worüber er schreibt...
Bild: Ivan Montero / fotolia

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