Neue Medien

Montag, 6. Oktober 2008

Neues Lernen mit dem neuen Leitmedium

Am Samstag, dem 4. Oktober gingen in Vaduz (Liechtenstein) 25 Internet-interessierte Pädagogen in Klausur, um "Neues Lernen mit Medien" dialogisch zu erkunden. Die Klausur war Teil des AdZ-Netzwerk-Kongresses der Schulerneuerer, der den Titel Herausforderungen trug.

Jean-Pol Martin hielt den Einführungsvortrag "Mit Schülern die Welt verbessern? Wie man im Unterricht an das Bedürfnis nach Sinn anknüpft". Engagiert präsentierte er sein anthropologisches Modell und sein Konzept menschlicher Kommunikationsnetze analog dem neuronalen Netz. Leider bot der organisatorische Rahmen keine Möglichkeit, Jean-Pols Hypothesen anschließend im Plenum zu diskutieren. So blieben die notwendigen Fragen ungestellt. Mir jedenfalls erscheint die einfache Gleichsetzung von menschlicher (Kommunikations-)tätigkeit mit der Funktionsweise des neuronalen Netzes diskussionsbedürftig. Trotzdem war es ein sehr interessanter Vortrag, nicht zuletzt deshalb, weil Martin über Skype Christian Spannagel eingebunden hatte, der seine Idee des öffentlichen Wissenschaftlers darlegte.

Am Nachmittag fanden dann drei Workshops zum "Neuen Lernen mit Medien" statt. Mein Beitrag dazu war der Vortrag "Neues Lernen mit Medien: Lernen und Lehren mit Weblogs in der Schule." Die Teilnehmer diskutierten vor allem den von mir in einem theoretischen Teil thematisierten Paradigmenwechsel vom Unterricht zur Lernkultur. Anschließend untersuchten wir zusammen meine exemplarische Weblogsammlung aus der internationalen Schulpraxis unter der Fragestellung: Altes Unterrichten mit neuen Instrumenten oder Neues Lernen mit dem neuen Leitmedium? Sehr froh war ich, dass auch Zeit genug war, dass zwei Teilnehmer ihre eigenen Blogs vorstellen konnten: Bio 2.0 und Schueler-Mobbing.

Hier mein Vortrag: Neues-Lernen-mit-Weblogs (pdf, 52 KB)

Donnerstag, 25. September 2008

Social Bookmarks als Instrument im Unterricht

Linklisten, vor allem wenn sie alles Mögliche sammeln, was mit dem Thema des Unterrichts zu tun hat, sind nicht unbedingt eine große Hilfe. Es braucht viel Zeit, die einzelnen Seiten abzusurfen, nur um dann festzustellen, dass sie für die Frage, die zu beantworten ist, wenig hergeben, oder die entscheidenden Informationen in einer Fülle anderer Informationen verborgen sind.
Daher bin ich schon vor einigen Jahren dazu übergegangen, meinen Schülern bzw. Kollegen nur noch kommentierte Linksammlungen im den Unterricht begleitenden Materialkoffer anzubieten. Ein Problem bestand dann darin, wo diese Linklisten ins Netz zu legen, damit die "Kunden" sie auch digital verwenden und von überallher abrufen können? Man kann sie natürlich in einem unterrichtsbegleitenden Blog ablegen.
Noch einfacher ist jedoch die Ablage in einem social bookmarking - System unter einem für den Kurs / für das Seminar bestimmten tag. Die Schüler bzw. Seminarteilnehmer brauchen dann nur noch die Adresse mit dem tag ihres Seminars aufzurufen und finden eine sich laufend ergänzende Sammlung kommentierter Links zum Thema des Seminars. Ein weiterer Vorteil nebenbei: Für die meisten Seminarteilnehmer ist diese Form der Ablage gleichzeitig die Erstbegegnung mit social bookmarking und insofern vielleicht auch eine Mission in Sachen Web 2.0-Medienkompetenz.

Ein Beispiel: Die Linksammlung meines
"Mahnmalprojekts II" im Juni diesen Jahres

Oder: Die Linksammlung für den Workshop
"Neues Lernen mit Medien: Lernen und Lehren mit Weblogs in der Schule"

Nachteil 1: Die Sammlung kann nicht systematisch geordnet werden, die Reihenfolge der Links entsteht durch die Reihenfolge der Einträge. Eine Sortierung nach Alphabet ist sinnlos.
Nachteil 2: Die Sammlung kann nur von mir ergänzt werden. Wünschenswert wäre aber die Ergänzung durch Teilnehmer. Also doch lieber auf einer Plattform (Blog, Educommsy, etc.), wo die Seite auch für Teilnehmer editierbar ist?
Nachteil 3: Die Anzahl der Zeichen, die für einen Kommentar verwendet werden können, ist begrenzt.

Wer hat Erfahrungen, wie oder wo diese Nachteile zu vermeiden sind?

Donnerstag, 28. August 2008

Altes Lernen mit Neuen Medien?

Wir leben in einer Übergangsgesellschaft. Die Wissensgesellschaft, in der die wichtigsten Veränderungsprozesse im Gefolge der Durchsetzung des Internets als Leitmedium stattgefunden haben, ist erst noch auf dem Weg ... Bis dahin gibt es noch viel Altes im Neuen. Um es genauer zu sagen: Das Alte hat seinen neuen Platz häufig noch nicht gefunden.

So muss man immer wieder feststellen, dass viele Ansätze, mit den Neuen Medien in der pädagogischen Praxis zu arbeiten, versuchen, die traditionelle Art des Lernens mit dem Focus auf die Seite des Lehrens (= Unterrichtskonzept) beizubehalten, indem sie diese einfach mit neuen Medien (verstanden bloß als Instrumente) statt mit den alten praktizieren. Immer noch sind elearning-Konzepte häufig instruktivistisch angelegt. Auch in Anwendungsvorschlägen für die Arbeit mit Blogs im Unterricht wird das neue Medium häufig im Wesentlichen bloß als neues Instrument gesehen, das ein altes ersetzt. (Das Problem, daß ein neues Leitmedium eine neue Lernkultur zugleich provoziert und erfordert, diese jedoch erst noch entwickelt werden muss, war übrigens zu Beginn der Buchgesellschaft genauso: Da wurden z.B. im Unterricht keine neuen Bücher mit neuen Inhalten gelesen, sondern es wurde erst der Katechismus vom Lehrer vorgesprochen, von den Schülern auswendig gelernt durch Nach- und Mitsprechen, und erst danach (!) durften die Schüler im Katechismus nachlesen, was sie schon auswendig kannten.) Analog mit einem Alt-Neu-Problem behaftet sehe ich solche Unterrichtsvorschläge wie z.B. Norbertos Umgang mit Weblogs im Unterricht.
Der Lehrer steuert weiterhin den Unterricht und sein Steuerungstool ist jetzt ein Blog statt einer Wandtafel.
Altes Lernen mit Neuen Medien!
Ich stelle mir unter der neuen Lernkultur etwas ganz anderes vor.
(Mehr dazu demnächst, wenn ich vom adz-netzwerkkongress zurück bin, wo ich auch einen Beitrag zum Thema "Neues Lernen mit Medien" zur Diskussion stellen darf.)

Jetzt möchte ich auf einen interessanten Fund hinweisen, der nicht zum ersten Mal klarmacht, dass in angelsächsischen Ländern schon weit mehr Erfahrungen mit Neuen Medien auf dem Weg in eine (neue) Lernkultur gemacht wurden. Wir sollten uns daher nicht auf die deutschsprachigen Erfahrungen beschränken!

Über 10.000 Mitglieder aus vielen Ländern hat das Netzwerk Classroom 2.0 Hier knüpfen Praktiker und Wissenschaftler, "interested in Web 2.0 and collaborative technologies in education", Kontakte, tauschen Erfahrungen und Material aus und diskutieren in verschiedenen Themengruppen. Neben der Globalität des Netzwerks finde ich besonders interessant, dass es nicht bloß um Unterrichtstechnologie geht (wie häufig bei uns in den Praxisrezepten!) - nämlich darum, wie man methodisch das neue Ding in den alten Unterricht hineinkriegt - , sondern dass hier auch auf lerntheoretischer und allgemein-didaktischer Ebene diskutiert wird. Es gibt beispielsweise eine Gruppe, die sich mit Deweys Ideen (und Erfahrungen) der demokratischen Schule und des Projektlernens beschäftigt. Natürlich in Bezug auf das neue Leitmedium und insbesondere in Bezug auf Web 2.0

Ich habe mich angemeldet und werde mich dort mal genauer umsehen!

Dienstag, 24. Juni 2008

Web 2.0 in die Schule - die Schule ins Web 2.o!

"Deutschland ist auch nach Auskunft der letzten PISA-Studie von 2006 immer noch das Land, in dem der Computer in der Schule am seltensten zum Einsatz kommt (Deutschland 31% im Vergleich zum OECD-Durchschnitt von 56%)." - "Das muss sich ändern". So steht es in der Selbstdarstellung des Exzellenzprojekts "Visionen leben, Wissen nutzen. Die besten Lehrkräfte für Deutschlands Schulen der Zukunft". Begleitet wird das Projekt von einem Blog Initiative D 21.
Zwar noch jung - erst in diesem Monat entstanden - gibt es trotzdem schon eine Menge dort zu holen für Lehrer, Referendare und Lehramtsstudenten, die ihren derzeitigen oder künftigen Arbeitsplatz in die Wissensgesellschaft hinein entwickeln wollen. Unter anderem z.B. den Ertrag aus einem Referendarsworkshop:
Ein informativer leitfaden-fur-die-einbindung-von-sozialen-netzwerken-in-den-unterricht enthält unter anderem auch den Entwurf für ein Curriculum zur Medienkompetenzentwicklung, in dem zu den bekannten Elementen des andernorts so genannten Computerführerscheins eben auch der Umgang mit Blogs und Wikis gelernt wird.

Samstag, 14. April 2007

Neue Medien und Schule

"Beam me up, Scotty" hieß das Motto der Medienpädagogischen Tagung des Landesinstituts für Lehrerbildung und Schulentwicklung Hamburg, von der ich gerade komme. "Digitale Lebenswelten & Impulse für die Schulwirklichkeit war das Thema. Aufeinander trafen Lehrer, Medienpädagogen, Erziehungswissenschaftler, Suchtpräventionspädagogen. Insgesamt drängelten sich in der Aula und in knackevollen Workshops 250 Teilnehmer, die ein ganz anderes Generationenbild abgaben, als das sonst übliche Tagungspublikum der 50-60Jährigen. Hier waren auch die Digital Natives in so ausreichender Anzahl vertreten, daß Medienskeptiker und Gefahrenwarnungsspezialisten - selbst wenn sie als Referenten auftraten - kaum eine Chance hatten. Auch eine Medienauffassung, die Computer und Internet aus der Perspektive der Gutenberggalaxis als bloße neue Zutat zu den alten Medien versteht, wurde darum in manchem Workshop durch die vielen Beiträge der Teilnehmer korrigiert.

Den Hauptvortrag hielt Franz Josef Röll, Prof. an der Fachhochschule Darmstadt, der in einer unglaublichen Geschwindigkeit nicht nur einen großartigen Überblick über die digitalen Lebenswelten der Schüler gab, sondern auch sehr überzeugend theoretisch darlegte, daß sich mit dem Internet das Denken und Lernen verändert hat. Im Multitasking der multimedialen digitalen Welt derer, die mit dem Internet aufwachsen, werden Texte nicht mehr linear gelesen, sondern unter 5 wesentlichen Aspekten wahrgenommen, verstanden und verarbeitet: 1. Scannen, 2. Connecting, 3. Matching, 4. Sharing, 5. Serendipiting. Das heißt, daß Texte jetzt als Teil eines multimedialen Ganzen und in Verbindung mit verschiedenen Kontexten und Personen aufgenommen, nach Mustern abgeglichen und nach dem Prinzip der glücklichen Zufallsentdeckung gefunden werden. Die Schule müsse dieses neue Wahrnehmungs- und Verarbeitungsprinzip als ein neues Betriebssystem der Wissensaneingung begreifen und nicht als schlechter als die lineare Weise verstehen, sondern eben als andere als die bisherige. Wie die Bildungsinstitutionen mit dieser Erkenntnis produktiv umgehen können, zeigte Röll an verschiedenen Beispielen, die man z.B. in lerno.de besichtigen kann. Aus seiner Lehrtätigkeit machte er auf die Möglichkeit aufmerksam, daß Lernende im Wiki "selbst den Inhalt produzieren, über den sie später geprüft werden".

Im Workshop "Web 2.0 - Ein Medienhype oder Herausforderung für die Pädagogik" erläuterte Torsten Meyer , Prof. an der Universität Hamburg, seinen Begriff vom Leitmedium Internet, der ebenso wie Rölls Auffassung von der die gesamte Gesellschaft betreffenden und transformierenden Digitalisierung ausgeht, die auch das bisherige Bildungssystem radikal verändern muß. Deutschland sei in dieser Hinsicht allerdings noch Entwicklungsland. An einem sehr witzigen Video wurde sofort deutlich, warum es sich beim Internetzeitalter um eine neue Formation der Mediengeschichte handelt. Ralf Appelt als Co-Workshopleiter führte an vielen Beispielen in die Möglichkeiten der Blogs, Wikis und Social Bookmarks ein, gab auf alle Fragen Tipps, Links und allgemein orientierende Antworten, sodaß dieser Workshop eine dichte interaktive Lerneinheit wurde, in der auch Lehrer, die bisher noch nicht mit Web 2.0 vertraut waren, sich ermutigt fühlten, Social Software zunächst selbst und dann mit ihren Schülern auszuprobieren.

Eine anregende und bereichernde Tagung für die Hamburger Lehrer, auf der die Aula auch noch zum Abschluß der Tagung am Samstag Nachmittag bei herrlichstem Frühlingswetter bis auf den letzten Platz gefüllt war - wenn das kein Qualitätsnachweis ist ...

Ein Update kann ich mir nicht verkneifen - es paßt einfach zu gut zu Rölls Vortrag: Das Video Web.2 ... The Machine is Us/ing Us von Michael Wesch, das ich bei Crisp's Virtual Comments fand.

Mittwoch, 11. April 2007

Lehrerbildung und Web 2.0

Einen sehr gescheiten Vortrag von Gabi Reinmann, Medienpädagogin an der Uni Augsburg über die Bedeutung von social Software - konkret des Bloggens - für die Lehreraus- und Fortbildung fand ich heute bei Kreidefressen. Danke! Der Fund bestätigt Reinmanns These von den Potenzen des Web 2 für die neue Rolle des "Lehrers als Wissensarbeiters". Ich würde, was da passiert, auch web 2-organisierten Erfahrungsaustausch nennen. Ich werde jedenfalls damit auf unserer Medienpaedagogischen-Tagung (pdf, 97 KB) hausieren gehen. Dort kommen die Blogs nämlich nur unter der Rubrik "Lernen ÜBER Medien" vor. Zum "Lernen MIT Medien" kriegen wir hier nur die Podcasts im Unterricht, die digitalisierte Schultasche und digitale Trainingsprogramme vorgeführt.

Montag, 12. März 2007

Virtual und Real Life

Mit einem realen Blumenstrauß - siehe Foto - wurde ich heute herrlich überrascht, als ich von der Arbeit kam. Er duftet echte Düfte in meine Nase und ich kann ihn hin- und herbewegen im realen Raum, und auch, wenn ich meinen Laptop runterfahre, steht er noch da.

Wer schickt mir denn Blumen? Sowas passiert mir nie. Und Geburtstag habe ich auch nicht. Die beiliegende Karte verrät: Es war Kreide fressen aka Hokey aka Heiko, der sich damit noch einmal bedankte für ein paar Lehrmittel, die ich ihm kürzlich überließ. Die Exposition derselben war ja schon ein schöner Dank gewesen und hatte mich und den privaten Postdienst schon sehr begeistert. Vielen vielen Dank, realer Heiko, bzw. virtueller Kreidefressenhokey für diese absolut gelungene Überraschung:

Heikos-Blumen-1-

Der echte Strauß ist Ergebnis virtuellen Lebens. Sag also keiner, virtuelles Leben wäre kein echtes Leben!

Dienstag, 21. November 2006

Sinnleere

Jetzt wird wieder einmal mit der Verbotsdiskussion von "Killerspielen", v.a. Counterstrike, Politik gemacht. Die Spiele sind es, die die Jugendlichen zu Amokläufern machen, wird gesagt. Isoliert inmitten des Berichts über die Internetaktivitäten des Schülers findet man im Artikel der Netzeitung über den Amokläufer von Emsdetten die Aussage des Oberstaatsanwalts über das Motiv des Schülers: Er habe unter seiner "Sinnleere" gelitten. Kein Kommentar dazu im Artikel, von einem Kommentar seitens der Politik ganz zu schweigen.
Dabei liegt hier - im Motiv und nicht im Medium - der Anknüpfungspunkt zum Handeln - auch für die Politik.

Erst jetzt entdeckt: Bei mein-parteibuch.de gibt es den vollständigen Abschiedsbrief des Selbstmordattentäters.

Ergänzung 28. 11. 06
Beim Spielverderber findet sich nicht nur eine verständige Interpretation, sondern auch ein interessanter Dialog in den Kommentaren:
>Wie einfach es ist!
Natürlich, die Gesellschaft, die Medien ... alle, alle anderen haben Schuld.
Nur die Wirrköpfe, die sind die Guten, sie haben unser Verständnis, weil sie nicht klar kommen mit unser komplexen, komplizierten Wirklichkeit. Wir würden ihnen so gerne eine perfekte Welt geben und tun alles, um einfache Antworten, mit glasklaren Schuldzuweisungen hinzubekommen, damit erträglich scheint, was wir nicht ertragen können: Uns selbst!<
, meint eine Kommentatorin
Darauf Spielverderber:
>Sprechen Sie, Checkbox, von sich? - Ich jedenfalls kann mich seit einem halben Jahrhundert sehr gut ertragen. Hingegen verabscheue ich vieles von dem, was auch Bastian B. verabscheut hat; z.B. KuschelpädagogInnen & KuschelpsychologInnen, die nicht wahrhaben wollen, was in unserer Welt vor sich geht, und die Botschaften der Jugendlichen seit 30 Jahren ignorieren. Die nämlich brauchen keine windelweichen Erwachsenen, von denen sie mit albernem Pop & Katzengeschichten abgespeist werden, sondern integre Persönlichkeiten, an denen sie ihre Kräfte (auch die geistigen) messen können.
Vergleichen Sie mal all das, was Bastian B. im Netz hinterlassen hat, mit dem Fänger im Roggen, neueren Songs wie Youth Of The Nation von P.O.D. oder auch alten deutschen Schulgeschichten wie dem Hanno-Kapitel der Buddenbrooks, Unterm Rad von Hesse, dem Schüler Gerber von Friedrich Torberg, Jugend ohne Gott von Horvath. Wenn Sie das getan haben, können wir uns gern wieder sprechen.<

Montag, 20. November 2006

Medien, Monster und die Beherrschung der Zukunft

Beim Fuckup-Weblog fand ich heute den höchst interessanten Hinweis auf Susanne Keunekes Vorlesungssfolien "Angstmedien - Medienängste". Wie Michael Giesecke periodisiert auch sie überzeugend die Geschichte der Menschheit als Mediengeschichte. Der Fokus ihrer Untersuchung liegt dabei auf dem Auffinden der Ursachen für die zu Beginn jeder Epoche - eingeleitet durch eine neue Medientechnologie - stattfindende Verteufelung des neuen Mediums. Von der Erfindung der Schrift in der Antike, über den Buchdruck, bis hin zur Erfindung von Kino und Comic findet sie dabei immer wieder dasselbe Muster von Ablehnung und Kampf gegen das neue Medium bis zu seiner gesellschaftlichen Implementierung und Institutionalisierung, mit der das neue Medium adaptiert und akzeptiert ist.
Überzeugend zeigt sie an allen jeweils neuen Medien die Übereinstimmung in den offiziellen Begründungen der Abwehr:
  • Behauptung einer körperlichen Mißbildung durch das neue Medium
  • Behauptung der Entstehung von Aggressivität und Gewalt durch das neue Medium
  • Behauptung der Asozialisation, also der mißlingenden sozialen Anpassung der Nutzer des neuen Mediums
  • Behauptung, das neue Medium mache süchtig und führe zum Verlust der Kontrolle über das eigene Leben
  • Behauptung, das neue Medium würde vom "echten" Leben abhalten
Dazu präsentiert sie historische Zitate, in denen auch deutlich wird, daß das jeweils etablierte, ehemals neue Medium seine nachträglichen kulturellen Weihen und eine Verklärung erhält, indem es vom neuesten "gefährlichen" Medium als gutes Medium abgegrenzt wird, dessen Werte durch das neueste Medium verloren gingen. War das Buch noch bis ins 19. Jh. hinein, ja sogar bis zu Beginn des 20. Jh. zumindest auf dem Land etwas, was vom "eigentlichen" Leben abhielt, die Augen verdarb und Weib und Kind für die Übernahme der vorgesehenen sozialen Rolle "verdarb", so finden wir heute im digitalen Zeitalter nicht nur alle diese Ressentiments gegen Computer und Internet wieder, sondern eben auch die "Verklärung" des (Buch-)lesens.

Im online-Seminar der Friedrich-Naumann-Stiftung zum Thema Hirnforschung, was sagt sie uns für das Lernen? tobt zur Zeit der Bär über die Frage, wann wir unsere Kinder überhaupt vor den Computer setzen dürfen, damit sie nicht biologischen, seelischen und sozialen Schaden nehmen. Hirnforscher, Pädagogen, Mütter und Väter sorgen sich um das Wohl ihrer Kinder angesichts des Monsters Computer. Wissenschaftliche Hauptreferenz ist der Neurobiologe Manfred Spitzer, der erst kürzlich in Psychologie Heute mahnte: "Kauft den Kindern keinen Computer!"

Susanne Keuneke findet als gesellschaftliche Ursache für den Kampf gegen das jeweils neue Medium die Angst der jeweiligen Obrigkeit vor Macht- und Privilegienverlust. Da ist sicher etwas dran.
Welche Privilegien aber hat das Lehrer- oder Neurologen-Individuum durch die Computer literacy der Kinder und Jugendlichen zu verlieren und muß darum "das Buch" - vergessen ist der Kampf gegen die "Schundliteratur" - als Medium gegen den Computer verteidigen?
Was ich hinter der Diskussion mit Pädagogen-Kollegen, nicht zuletzt mit "Medienpädagogen" um die 50 und älter erfahre, ist, daß sie, die in der Gutenberg-Galaxis (McLuhan) sozialisiert wurden, ihre eigenen Ängste vor dem Neuen Medium auf die nächste Generation projizieren, wie ehedem wohl der Lehrer in der Neuzeit seine eigene Angst vor dem erweiterten Horizont, der sich ihm mit dem Buch eröffnete und unbeherrschbar erschien, auf die damaligen Schüler projizierte und darum deren Lektüre unter seine Kontrolle zu bringen trachtete.

Es hilft nichts: Wir "Alten" müssen erkennen, daß wir bestenfalls nur "Digital Immigrants" sind und die Eroberung des neuen Leitmediums durch die "Digital Natives" (Marc Prensky), die Generation der unter 20-Jährigen, nicht verhindern, ja noch nicht einmal kontrollieren können. Wir dürfen es auch nicht, wollen wir die Kinder nicht an der Ausbildung ihrer Zukunftsfähigkeit behindern. Denn deren Ausbildung der Fähigkeit zur Beherrschung des neuen Mediums ist umgekehrt proportional unserer neurotischen Kontrollversuche.
Aber ebenso, wie man seinem Kind nicht ein Bilderbuch vor die Füße wirft - erstes Medium zur Erlernung von Zeichen, die nicht die Realität sind, die sie bezeichnen, sondern auf diese verweisen - sondern es mit ihm zusammen anschaut und "bespricht": Was außer der eigenen Angst vor dem Neuen Medium hindert uns daran, zusammen mit unseren Kindern Computer und Internet zu erkunden und beherrschen zu lernen?

Freitag, 29. September 2006

Weblogs - der SAMPO der Wissensgesellschaft

Alle haben sie schon verlinkt - die Master Thesis von Wolfgang Schweiger:"Weblogs in der Wissensgesellschaft". Ich möchte es trotzdem auch noch tun, denn es ist die beste Arbeit über die Bedeutung von Weblogs, die ich bisher gefunden habe. Auch über die Merkmale der Wissensgesellschaft, die Definition von Wissen und über geeignete und ungeeignete Lerntheorien erfährt man in der gut strukturierten Arbeit eine Menge.
Zusammengefaßt liegt nach Schweiger die Bedeutung des Weblogs in seiner Fähigkeit, dem Digital Divide entgegenzuwirken und eine Plattform für den Austausch potenziell aller Menschen anzubieten und damit zur Wissensproduktion beitzutragen:

"Suchmaschinen liefern nur Informationen, die zwar nützlich und erforderlich sind, manchmal aber nicht ausreichend. Weblogs hingegen liefern neben den bloßen Informationen auch Erfahrungsberichte, persönliche Wertungen und Beispiele der praktischen Anwendung, kurz gesagt Wissen. Damit kompensieren sie nach Meinung von Tschertau 'auf eine selbstorganisierte Weise den größten Nachteil des Internets: seine Unübersichtlichkeit. Sie schaffen Metadaten für Dokumente und sie schaffen Interpretationen und semantische Zusammenhänge.' (Tscherteu)"

Hinzuzufügen wäre die Fähigkeit des Blogs, bei zwei grundlegenden Entwicklungsaufgaben des Menschen in der Wissensgesellschaft als vermittelnder Gegenstand zu dienen: Bei der Individualisierung und der Kommunikations-Netzwerkbildung.

Warum aber SAMPO? Wer ist das überhaupt? Gestoßen bin ich auf den Sampo in Yrjö Engeströms Einleitung zu seinem Aufsatzband "Developmental Work Research. Expanding Activity Theory in Practice". Der Sampo ist ein magischer Gegenstand im Kalevala, dem finnischen Nationalepos, der in den Worten Engeströms

"die Quelle aller Gesundheit und allen Wohlbefindens ist. Der Sampo wurde von einem mächtigen urzeitlichen Schmied geformt. Bis jetzt sind seine Gestalt und seine genauen Eigenschaften nie beschrieben worden. Der Sampo wurde Anlaß eines Streits, er wurde zerschlagen und über Bord geworfen. Aber die Splitter des Sampo, die an die Küste gespült wurden, brachten dem Volk Reichtum (...) Der Gegenstand ist mehr als ein starres materielles Ding: Er muß geschmiedet werden, er geht durch viele Hände, er erzeugt Leidenschaften und Kämpfe, er wird fragmentiert und wieder eingesammelt. Er ist einzig, jedoch überall. Er ist ein Horizont von Möglichkeiten. Mit anderen Worten: Der Sampo ist der Kern des Gegenstands jeder produktiven Tätigkeit. "
(im Original engl., Übersetzung LR)

Mir scheint, das Weblog hilft beim Einsammeln der Fragmente. Gleichzeitig scheint es selbst so etwas wie ein Teil des Sampo zu sein.

Ein Video mit einem Interview Engeströms über seine Theorie des Expansiven Lernens fand ich bei Knowledging across life's curriculum.

Obwohl Weblogs - wie Schweiger zeigt - so überaus potent für die Lerntätigkeit sind, sind sie in der Schule noch nicht angekommen. (Von Ausnahmen wie bei bloggenden Lehrern wie im virtuellen Lehrerzimmer von Herrn Rau oder im Herrmann-Vöchting-Gymnasium Blomberg, der Schule, die als Homepage ein Blog hat, mal abgesehen.)
Für mein Angebot, Hamburger Lehrer beim Einsatz von Blogs zu beraten, habe ich ein Exposé mit Beispielen für die Anwendung-in-der-Schule1 (pdf, 80 KB) geschrieben.
logo

shift.

Weblog zu Schule und Gesellschaft

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Impressum

Suche

 

Archiv

Dezember 2008
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 1 
 2 
 3 
 4 
 5 
 6 
 7 
 8 
 9 
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
 
 
 
 
 
 
 

Aktuelle Beiträge

danke für den text
vielen dank für den text, habe schon neugierig...
bembelkandidat (anonym) - 3. Dez, 15:09
Persönlicher Sinn...
Zunehmender Rechtsextremismus - Anwachsen von Antisemitismus...
Lisa Rosa - 28. Nov, 20:41
Papiere
Hier sind meine Papiere gesammelt - Aufsätze,...
Lisa Rosa - 28. Nov, 14:20
Danke!
Freut mich, dass es gefällt! :-)
Lisa Rosa - 16. Nov, 22:11
off topic
zugegeben, paßt nicht so ganz zum thema, doch...
bembelkandidat (anonym) - 16. Nov, 20:38

Status

Online seit 1284 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 5. Dez, 09:25

Credits

Knallgrau New Media Solutions - Web Agentur für neue Medien

powered by Antville powered by Helma


xml version of this page
xml version of this topic

twoday.net AGB

RSS Box

Web Counter-Modul

Wetter in Hamburg

Aktuelles Wetter in Hamburg:


Temperatur: 6 C
UV Index: 0
Luftfeuchte: 87 %
Sichtweite: 10.0 km
Luftdruck: 988.1 mb
Windstärke: 14 km/h

Weather data provided by weather.com

Antisemitismus
Die Gegenwart der Vergangenheit
Eigene Papiere
Erziehungssystem
Gesellschaftstheorie
Kultur
Lernen
Neue Medien
Ökonomie und neue Gesellschaft
Politik
Rechtsextremismus
Schulentwicklung
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren