Mittwoch, 1. Februar 2006

Evaluation und Feedback

Evaluation ist das Lieblingswort der Schulentwickler geworden. Richtig: Man muß den Stand einer Sache kennen, wenn man sie weiterentwickeln will. Man muß herausfinden, was schief läuft, und warum, wenn man Hindernisse für eine positive Entwicklung aus dem Weg räumen möchte.
Nun ist es vom Testen dessen, was bei den Schülern nach erfolgtem Unterricht an Leistung "hinten rauskommt", noch ein weiter Weg bis zum Auffinden der Ursachen für die schlechten Leistungen der deutschen Schüler, und erst Recht bis zum Auffinden und Einsetzen der richtigen Lösungen zur Beseitigung dieser Ursachen.

Inzwischen ist man wenigstens soweit, daß auch dem Schüler das Wort zur Sache erteilt werden soll. Schülerfeedback hat bei uns allerdings keine Tradition. Und so kommt dieses für Schulqualitätsmessung unverzichtbare Instrument erst neuerdings ganz vorsichtig in der Praxis an - zunächst begrenzt auf direktes Feedback zum Unterricht und zum Lehrer. Einige schon etwas ausgebildetere Modelle zum Schülerfeedback, die nicht nur den einzelnen Unterricht, sondern darüberhinaus auch das Schulleben insgesamt betreffen, findet man z.B. hier oder im Otto-Nagel-Gymnasium
Diese Schule praktiziert außerdem die Aushandlungsrunde / Schüler-Eltern-Lehrer-Forum, ein Demokratie-Instrument, das auch als Bestandteil des Schulprogramms festgeschrieben ist. Das SELF ist ein gemeinsames Forum für Schüler, Lehrer und Eltern, das "Probleme erfasst und durchdenkt, nach Lösungsansätzen sucht und diese in den entsprechenden Gremien einbringt. Ergebnis dieser Arbeit sind der digitalisierte Fragebogen für Lehrer und Schüler zur Unterrichtsevaluation, Weiterbildungsveranstaltungen für die Schülersprecher, die Umstrukturierung der Schülervertretung, die Veränderung der Pausenzeiten, die Einrichtung eines Kümmerkastens für die Eltern und das Projekt "Schüler unterrichten Schüler"".

Die Feedbacksoftware, die von Schülern der Otto-Nagel-Schule entwickelt wurde, kann unter der Telefonnummer Tel: 030/5143864 nachgefragt werden.

Wie halten es eigentlich die Finnen, die Sieger der PISA-Evaluation mit Evaluation und Feedback?

"Das finnische Schulsystem ist durchdemokratisiert" nannte Pekka Arinen, Projektmanager des Evalutionszentrums für Bildung der Universität Helsinki
in seinem Vortrag (ppt, 146 KB) im Finnlandinstitut in Berlin am 25.11.2005
als den ersten Grund für den Erfolg der finnischen Schüler. Dazu gehört, daß sich jede Schule jedes Jahr neu selbst evaluiert. (Dafür wurde die Schulinsprektion – die bei uns nun gerade erst Recht eingerichtet wird – als überflüssig, ja kontraproduktiv erachtet und abgeschafft.) Die Schule – das ist die Schulcommunity, - führt also die Evaluation unter und mit Schülern, Lehrern und Eltern anhand hoch ausdifferenzierter Fragebögen durch, die nicht nur die Qualität des Unterrichts, sondern die des gesamten Schullebens betreffen. Dass es sich dabei nicht um unhistorische, punktuelle Feedbacks ohne Nachhaltigkeit handelt, kann man z.B. an folgender Frage aus dem Schülerbogen erkennen: "Hat sich der Lehrer aufgrund der Kritik aus dem letzten Feedback verbessert?"
Für eine maximale Wirkung auf nationaler Ebene werden sie im Evaluationsrat wissenschaftlich ausgewertet, deren Mitglieder neben renommierten Erziehungswissenschaftlern aus allen am Erziehungsprozess direkt oder indirekt beteiligten Gruppen bestehen.

Das Geheimnis für den Erfolg des finnischen Schulwesens:
Ein radikaler Systemwechsel (ppt, 208 KB) zu Beginn der 90er Jahre von dem bis dahin auch in Finnland geltenden traditionellen, dreigliedrigen aus Preußen stammenden Schulsystem der zentralisierten externen Entscheidungen und Kontrollen zu dem selbst bestimmten, sich selbst steuernden und sich selbst evaluierenden System, das es heute ist. Dieser radikale Systemwandel ist ein mindestens zehnjähriger Prozess gewesen und bis heute nicht abgeschlossen. Aber er hat nur stattgefunden, weil er seinerzeit als radikaler Wandel beschlossen wurde. Radikal, das gesamte nationale Bildungssystem umfassend, geplant und in allen seinen vielleicht auch schwierigen Konsequenzen gewollt und durchgeführt.

Beim Mittagessen traf ich einen Kollegen, der sich mit dem hiesigen Geschäft der Schulentwicklung gut auskennt. Ich fragte ihn, warum denn die deutschen Entwickler, wenn sie denn überhaupt aus ihrem Land und nicht bloß aus ihrem Bundesland herausschauen wollen, immer so gerne in die Schweiz und nach Österreich als Vorbilder gucken. Liegt das daran, daß sie des Englischen nicht mächtig sind?
Nein, sagt er, das liegt daran, daß die beste Lösung, nämlich die aus Skandinavien, einen so fundamentalen Wandel erfordert, davor fürchtet man sich, denn es könnte Konsequenzen haben und weh tun. Drum nimmt man lieber die nächstbesten Lösungen, wo man nicht so viel verändern muß und das meiste beim Alten bleiben kann.

Tja, dann werden wohl auch die Schülerleistungen beim Alten bleiben.

Sonntag, 22. Januar 2006

falsche Kinder - richtige Kinder

Ach, jetzt ist es heraus! Wir haben nicht zu wenige Kinder in Deutschland - wir haben zu wenig von den richtigen! Die richtigen Kinder - die guten - das sind deutsche Kinder, ethnisch deutsche Kinder. Aber das reicht nicht, um ein gesellschaftlich erwünschtes Kind zu sein. Nahain! Das gute (Du bist Deutschland-) Kind muß außerdem ein "Mittelstandskind" sein. Denn sonst gibt es nicht viel Elterngeld. Und noch was ist wichtig für ein Kind zu wissen, wenn es ein für Deutschland gutes und in Deutschland erwünschtes Kind werden will: Es muß zwei Eltern zu Hause haben, die Arbeit haben. Denn sonst gibt es die Steuervorteile nicht. Man kann sich seine Eltern ja nicht vorsichtig genug aussuchen! Also denk daran, Kind, wo du hinkommst, denn wenn du die falsche Wahl triffst, wenn du versehentlich an eine Alleinerziehende, an Arbeitslose, in die"Unterschicht" und - Gottbehüte! - an Immigranten als Eltern gerätst - dann wäre es vielleicht besser, du würdest überhaupt nicht in dieses Land geraten. Denn der deutsche "Mittelstand" stirbt aus. Und der ist Deutschland, denn er ist Leistungsträger und sein Nachwuchs wird Rentenzahler. Und darauf kommt es an. Und drum richtet sich jetzt alle Familienpolitik und Demografiepolitik auf diesen "Mittelstand".

Susanne Gaschke findet das im Leitartikel der Zeit ja vollkommen in Ordnung. Zwar fließt ihr folgende Information mühelos aus der Feder:
"Statistisch ist es unbestreitbar: Die sozial Schwächeren bekommen nach wie vor Kinder; die Stärkeren, die es durch ihre Bildung und ihr Einkommen oft leichter hätten, ihrem Nachwuchs gute Startchancen zu geben, halten sich zurück."
Aber weil sie wie üblich die beiden zusammengehörenden Bereiche Bildungspolitik und "Demografisches Problem" nicht zusammendenken kann, fällt ihr an ihrem eigenen Satz gar nicht auf, was sie da Verrücktes denkt: Nämlich, daß es offenbar falsche und richtige Kinder für Deutschland gibt. (Auch früher hatte man das schon so gesehen und darum zwischenzeitlich den "Assozialen" das Gebären verboten und den Lebensborn für die "richtigen" erfunden.)
Und noch etwas springt ins Auge: Susanne Gaschke denkt, daß die Eltern in einer Gesellschaft allein für die "Startchancen" ihrer Kinder zuständig sind. Und vermutlich denkt sie auch, daß kluge, gebildete und leistungsstarke Erwachsene eben nur aus Kindern werden können, die ihrerseits kluge, gebildete und leistungsstarke Eltern hatten. Und daß das naturgegeben eben so ist. Und daß es keine Möglichkeit gibt, aus den vielen Kindern, die es bei uns in den "sozial schwachen" Familien gibt, noch kluge, gebildete und leistungsstarke Erwachsene zu machen. Wohlgemerkt: Diese Kinder existieren - es sind mehr als 20 Prozent der Kinder, die es schon gibt!! Aber, wie gesagt, es sind anscheinend die falschen, und offenbar bleiben sie es, und drum bringen sie nichts. Und das ist nicht gut. Und drum begrüßt Susanne Gaschke die Familienpolitik der Regierung, denn die will die guten Eltern mit ordentlich Geld zum Gutekinderkriegen verführen.

Wäre das toll, wenn das Geld, mit dem die Regierung die arbeitenden Mittelstandspaare zum Richtigekinderkriegen einkaufen will, in das Bildungssystem gesteckt würde, das geeignet ist, alle Kinder, die schon da sind, zu klugen, gebildeten und leistungsstarken Erwachsenen zu machen! Und das würde nicht einmal mehr kosten als das Schmiergeld, das dem Mittelstand fürs Gebären bezahlt werden soll. Man muß nur besser rechnen können als ein Milchmädchen. Das ist klar. Dabei müßte man sich das neue Bildungssystem noch nicht mal selber ausdenken! Nein, es würde schon reichen, wenn man endlich mit der Legende Schluß machte, die da heißt: Finnland schön und gut, aber wir sind eben nicht Finnland, und bei uns geht das nicht.
Nein, das stimmt. Wenn man es nicht will, dann geht es auch nicht.

Ergänzung: Beim Spielverderber
kann man sich die alternativen Zukunftsmöglichkeiten ansehen ...

Dienstag, 10. Januar 2006

Einsichten

Hätte ich mal früher lesen sollen! Enttäuschungen erspart sich, wer rechtzeitig die fünf Schritte eines Projekts als systemeigenen Mechanismus in Rechnung stellt
  1. Begeisterung
  2. Verwirrung
  3. Suche nach den Schuldigen
  4. Bestrafung der Unschuldigen
  5. Auszeichnung der Nichtbeteiligten
aus: Paul Ackermann, Bürgerhandbuch, Wochenschau Verlag 1998

Sonntag, 1. Januar 2006

Heine in Hamburg

Selten gehe ich ins Theater. Noch seltener gefällt mir, was ich dort zu sehen bekomme. Aber ich liebe Heine. Umso mehr bin ich bezüglich Heines auf dem Theater, das ich immer mit Skepsis betrete, empfindlich.
Die neueste Produktion des Theater N.N. Hamburg
"Heinrich Heine: ... und doch!" kann ich aber wärmstens empfehlen. Von Heinekennern, Theaterprofis und politisch verständigen Menschen gestaltet, liefert diese Produktion ein überzeugendes Heine- und Heine-Deutschlandbild.

Heine_in_Hamburg-001

Fast eine Revue für Schauspieler und einen Musikanten
rund um eine heimatlose Dichterseele
Buch und Regie: Dieter Seidel
Mit Miriam Hensel, Wolfgang Klinke, Klaus Robra und
Hermann Kluck am Klavier und anderen Instrumenten
"Heinrich Heine - auferstanden als ironischer Betrachter seiner selbst - erzählt ungehalten, wohlwollend, boshaft, liebevoll, ironisch, verträumt, kritisch und sehnsuchtsvoll über sein bizarres Verhältnis zu seinem Vaterland. Dabei begegnet er dem Onkel Salomon, begehrenswerten Frauen, seiner großen Liebe Mathilde, seiner Mutter aber auch der Göttin Hammonia ...
Und er trifft auf einen Musiker, der von Heines Texten inspiriert vielfältig musiziert - vom einfachen Volkslied über die Ballade bis zum Jazz.
Gefördert durch die Kulturbehörde der Freien und Hansestadt Hamburg
Wolfgang Klinke, der Heine zum Verwechseln ähnlich sieht, durchwandert diese Stationen sehr überzeugend und wandlungsfähig: Mal springt er in voller Lebenslust über die Bühne, mal zieht er sich melancholisch in sich selbst zurück oder grantelt schmerzverzerrt aus seinem Krankenbett." (DIE WELT)

Der besondere Höhepunkt: Die vollbärtige Göttin Hammonia läßt den Dichter in Deutschlands Zukunft sehen - Medium dafür ist ihr Thron, der sich als gut gefüllter Nachtstuhl entpuppt ... (aus "Deutschland, ein Wintermärchen")

Heine_in_Hamburg-029

Aufführungstermine in 2006
26.01. - 29.01. / 02.02. - 05.02. / 09.02. - 12.02. / 16.02. - 19.02.2006

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Freitag, 23. Dezember 2005

3 Königinnen

Aus den Tiefen des Amts für Bildung erreichte mich über das Demokratiebüro diese Powerpointgeschichte mit dem Titel DreiheiligeKoeniginnen (pps, 148 KB)

Sonntag, 18. Dezember 2005

Religiosität behindert

offenbar dabei, im anderen Menschen grundsätzlich das eigene Gattungswesen zu erkennen. Das gilt auch für die christliche Religion. Die neue Heitmeyer-Studie "Deutsche Zustände" Nr. 4, die am Donnerstag der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, bringt es an den Tag. Bezüglich der Religionszugehörigkeit derer mit Vorurteilen gegenüber Anderen kommt die Forschungsgruppe zu folgendem Ergebnis: "Christen - Protestanten wie Katholiken - sind gegenüber einer Reihe von schwachen Gruppen der Gesellschaft feindseliger eingestellt als Konfessionslose."

Zwar konnten die "realsozialistischen" Länder seinerzeit ihre mißglückten Versuche, die Religion abzuschaffen, zur Begründung nicht auf eine wissenschaftliche Evaluation wie diese stützen. Aber daß Religion nicht gerade hilfreich dabei ist, das Menschengeschlecht zu emanzipieren - das weiß man schon seit der Reconquista, seit den Bauernkriegen und der Inquisition.
Trotzdem ist es wieder Mode geworden - gerade seit dem Fall der realsozialistischen Länder -, von religiösen (rsp. spirituellen) Bedürfnissen zu reden als Grundbedürfnisse wie Nahrung, Sinn, Sex und Dach überm Kopf. Nichts scheint inzwischen so verwerflich zu sein, wie die "Verletzung religiöser Gefühle".

Sicher lassen sich Dummheit und Bosheit (und eben auch Religiosität) nicht durch Dekrete und das Schleifen von Bethäusern aus der Welt schaffen. Aber die Heitmeyer-Studie zeigt - und das ist wichtig: Religion ist kein Bedürfnis, Religion - jede - ist ein Antwortsystem auf komplizierte Fragen. Und offensichtlich nicht das beste.

Freitag, 2. Dezember 2005

Respekt

In der Sternserie "Die neue Sehnsucht nach alten Werten, Teil 4. Respekt und Anstand", in der auch viel gequirlter Unsinn zu lesen ist, versteckt sich in einem Bericht über das Forschungsprojekt RespectResearch der wichtige Hinweis auf den obersten Wert der HipHop-Szene. Das Foto eines Graffitis in Düsseldorf illustriert die Seite: "Respect must come." Erinnert werden in diesem Zusammenhang auch die bekannten Zitate aus den jüngsten Ereignissen der Pariser Banlieue: "Geld ist nichts, Respekt ist alles" und "Lieber sterben als auf den Knien leben".

Nun spricht der Stern ja gerne über Dinge, die so in der Luft und in der öffentlichen Debatte herumliegen. Aber ebenso gerne bringt er anstatt auf den Punkt alles wieder durcheinander, was doch schon beinahe klar war:
Denn weder ist die Sehnsucht neu, noch sind die Werte alt. Andersherum wird ein Schuh draus: Die Sehnsucht nach Achtung statt Ausgrenzung, Diskriminierung und Mißhandlung ist so alt wie Ausbeutung und Unterdrückung in der Menschheitsgeschichte alt sind. Aber der Wert Respekt als gesellschaftliche Norm durchgesetzt mit Wirkung für alle - das wäre das Neueste überhaupt. Es wäre gleichbedeutend mit dem Ende aller Ausbeutung.

Eine Ahnung davon, wie es sein könnte, erfährt man aus der Antwort einer finnischen Schülerin, die - von einer Wiener Schuldirektorin auf Besuch gefragt, warum sie so gerne zur Schule ginge - sagte: "Bei uns wird niemand beschämt."

Dienstag, 29. November 2005

Medienrealität in der Schule

Heute wieder mehr das Cyberspace nach Brauchbarem abgeleuchtet, denn irgendetwas Produktives gemacht. Gefunden habe ich eine Schule, die sich ein Blog angelegt hat. Aber was finde ich da? Der Administrator kontrolliert alle Beiträge, Diskussion ist in Foren verwiesen, deren Themen identisch mit den Unterrichts- und Projektthemen sind, und die Schülerkommunikation will nicht recht in Gang kommen. Kein Wunder! So ist es mehr eine leichter zu handelnde Website, denn ein Meinungsaustausch. Tja - wenn man alles erst als Beitrag "anmelden" muß, und der Beitrag dann auch noch zensiert werden kann, wozu sollen die Schüler dann überhaupt schreiben? Die meisten Beiträge stammen von dem, der wohl das Schulblog "pflegt" - klar ein Lehrer. Die "Ecke" für die Schülervertreter bringt nur deren Namen. Noch nicht mal, was sie vorhaben oder machen, geschweige denn eine Diskussion darum.

In den OECD-key-competencies (S. 12) steht dazu, was ein etwas ausführlicheres Zitat lohnt:
"Die interaktive Anwendung von Medien ... erfordert mehr als den Zugang und die technischen Kenntnisse für den Einsatz des "Werkzeugs". ... Die Menschen sollten ebenfalls Kenntnisse und Fertigkeiten neu entwickeln und anpassen. Dies setzt sowohl eine Vertrautheit mit dem Werkzeug voraus als auch ein Verständnis dafür, wie es die Art und Weise der Interaktion mit der Umwelt verändern, und wie es zum Erreichen von Zielen eingesetzt werden kann. In diesem Sinne dient ein Werkzeug nicht allein der passiven Übermittlung, sondern vielmehr einem aktiven Dialog zwischen dem Individuum und der Umgebung.
Menschen treten mit der Welt durch kognitive, soziokulturelle und physische Medien und Mittel in Verbindung. Die Art dieser Interaktion wiederum bestimmt, wie sie die Welt deuten und Kompetenzen darin erwerben, mit Transformation und Wandel umgehen und auf langfristige Herausforderungen reagieren. Die interaktive Anwendung von Medien und Mitteln eröffnet neue Möglichkeiten, die Welt wahrzunehmen und mit ihr in Beziehung zu treten."

Daß diese Formulierung als kleinster gemeinsamer Nenner der OECD-Bildungsminister gegenüber der Praxis noch derart fortgeschritten sein kann - selbst gegenüber einer Schule, die medial offenbar ganz weit
vorne liegt, will man spontan nicht für möglich halten.

Natürlich gibt es in diesem Blog auch keine Anzeige, ob und wo ein frischer Kommentar eingetroffen ist. Es gibt nur eine Anzeige für den Administrator: "ungelesener Beitrag" - aber nicht fürs Publikum.

Montag, 28. November 2005

Empörende Kontinuität

Die BRD - pardon: Deutschland! - hat sowohl Diskontinuität als auch Kontinuität zu ihrer - seiner - Vorgängergesellschaft, dem Deutschen Reich Nr. 3 - sprich der NS-Gesellschaft. Hartnäckig scheinen sich die Kontinuitäts-Aspekte vor allem in der Bundeswehr zu erhalten, bzw. im Umgang mit dem Erbe der Deutschen Wehrmacht - konkret: im Bundesbesoldungsgesetz vom März 1992.
Einen Bericht über ungeheuerliche Identifikations-Praxis mit der NS-Armee kann man in der aktuellen Zeit lesen - leider mal wieder nicht online -: In der Ausgabe Nr. 48, S. 21 ist eine gekürzte Fassung des Artikels "Die Braunlage" von Daniela Dahn abgedruckt, der im Kursbuch Nr. 162 "Ritter, Tod und Teufel" heute erschienen ist.
Darin wird z.B. aufgedeckt,
  • daß "militärische Ehren (etwa bei Begräbnissen) neben Bundeswehrangehörigen auch ehemaligen Berufssoldaten der Deutschen Wehrmacht, der Reichswehr und der Armeen und der Marine des Kaiserreichs zustehen, nicht aber einstigen NVA-Angehörigen", es sei denn, sie hätten vorher auch in der Wehrmacht gedient
  • daß "nach wie vor geächtet sind diejenigen Militärs, die zu den Partisanen, zur Résistance oder zu den Truppen der Alliierten übergelaufen sind, die die Zivilbevölkerung gewarnt oder gar die eigenen Soldaten über die Lautsprecher des Nationalkomitees Freies Deutschland aufgefordert haben, ihre Waffen gegen Hitler zu richten, wie etwa Graf Heinrich Einsiedel. Sie alle gelten bis heute als Kriegsverräter. Ihre Jahre im Widerstand werden nicht auf die Rente angerechnet."
  • daß "das Bundesbesoldungsgesetz vom März 1992 (...) alle öffentlich-rechtlichen Dienstherren in Nazideutschland und in den besetzten Gebieten gemäß Art. 131 des GG weiterhin als rentenrelevant an(erkennt), während 'systemnahe' DDR-Angestellte Abstriche bei der Rentenberechnung hinzunehmen haben. So wurde einem Dozenten einer Ingenieur-Fachschule mitgeteilt, dass seine DDR-Rente von 1200 Mark eingefroren werde, bis überprüft sei, ob sie auf 'Unrechtsentgelten' beruhe. Er bekam zunächst nur eine Anhebung um etwa 100 Mark. 1994 erfolgte die Neuberechnung nach dem Sozialgesetzbuch VI. Nun holte der Ingenieur seine Vergangenheit als junger Ministerialbeamter in Görings Luftfahrtministerium ein. Den alten Mann traf fast der Schlag, aber vor Freude: Die monatliche Rente betrug nun 4997 Mark, und obendrein gab es auch noch eine Nachzahlung von 149 900 Mark."
Wie war das? Wir sind ein Vorbild für die Welt in der "Vergangenheitsbewältigung"? Das möchten wir wohl gerne! Und gerne läßt sich die Öffentlichkeit dieses auch noch mit jüdischem Siegel versehen, denn dann gilt es besonders und wäscht die Weste so weiß, weißer gehts nicht. Vielleicht sollte man Daniel J. Goldhagen und Avi Primor, deren Persilscheine für die geläuterte bundesdeutsche Gesellschaft immer gern genommen und zitiert werden, doch mal den Aufsatz von Daniela Dahn zukommen lassen, damit sie mit der Scheinvergabe etwas vorsichtiger werden.

Der ZEIT immerhin ist dieser Vorabdruck hoch anzurechnen. Und als optimistischer Pessimist hoffe ich mal wieder, daß es etwas bewirkt - nämlich einen entsetzten Aufschrei in der Öffentlichkeit, die auf sofortige Gesetzesänderungen dringt. (Aber womöglich verhalte ich mich damit auch nur wie Goldhagen und Primor - man kann es einfach nicht lassen mit dem Glauben an das Gute im Deutschland.)

Du bist Deutschland - Bundesbesoldungsgesetz vom März 1992!

Montag, 14. November 2005

Hamburger Bildungsexperten in Finnland

Eine Reisegruppe hochkarätiger Bildungsexperten aus Hamburg besuchte im April diesen Jahres Jyväskylä, eine Stadt in Zentralfinnland, um das finnische Schulsystem und besonders die finnische Lehrerbildung kennenzulernen. Zu der sechsköpfigen Gruppe gehörten Professoren der erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Hamburger Universität ( Prof. Dr. Karl Dieter Schuck, Prof. Dr. Eva Arnold, Prof. Dr. Reiner Lehberger), der Finnougrist Prof. Dr. Holger Fischer sowie der Direktor des Instituts für Lehrerbildung und Schulentwicklung Hamburg, Peter Daschner und der Leiter der Reform der Lehrerbildung am LI, Oberschulrat Aart Pabst.
Der bisher unveröffentlichte Reisebericht (pdf, 939 KB) ist sehr informativ und spannend zu lesen, zeigt er doch die Unterschiede in der Bildungsstruktur sowie in Inhalt und Organisation der Lehrerausbildung zum hiesigen System, die entscheidend für den Erfolg des finnischen Bildungswesens sind. Prof. Schucks Fazit im Anhang des Reiseberichts:
"Im Ganzen folgt das finnische System meinem Eindruck nach viel mehr den individuellen Bedürfnissen nach sozialer Anerkennung, umfassender Unterstützung und gesellschaftlicher Teilhabe. In einem solchen System Schüler und Lehrer sein zu dürfen, halte ich schon für attraktiv, vor allem dann, wenn das Schulleben in der realen Schule tatsächlich alltäglich so gestaltet wird, wie es in einer Folie der Schulverwaltung von Jyväskylä heißt: 'Today we are growing together into the future'".
Das muß man sich als deutscher Lehrer oder Schüler mal auf der Zunge zergehen lassen: Es ist attraktiv, Lehrer zu sein - es ist attraktiv, Schüler zu sein. Traumhaft!
Bild: Ivan Montero / fotolia

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